Leute der Nachbarschaft gaben bedeutende Summen für Errichtung eines passenderen Gebäudes in besserer Lage Verbesserungen in der Kost und Kleidung wurden eingeführt Herr Brockelhurst seines Amtes entsetzt und die Gelder der Schule einem Verwaltungsrat übergeben Das Waisenstift wurde also verbessert bald eine wahrhaft nützliche und segensreiche Anstalt — Acht volle Jahre blieb Jane nach den eingeführten Reformen noch innerhalb der Mauern Lowoods sechs Jahre als Schülerin und zwei als Lehrerin der unteren Klassen Während dieser acht Jahre war ihr Leben einförmig aber nicht unglücklich alle Mittel einer vortrefflichen Erziehung waren ihr zugänglich und sie benutzte in vollem Maße alle Vorteile die ihr geboten wurden Ihre Talente und Anlagen waren auf das schönste entwickelt ihre erworbenen Kenntnisse bedeutend und ihr Charakter von seltener Energie ausgezeichnet durch Wahrheitsliebe und edle Gesinnung Fräulein Tempel war ihr längst aus einer Vorgesetzten zur Freundin geworden um so schmerzlicher empfand Jane daher deren Scheiden aus der Anstalt als dieselbe einem Geistlichen die Hand zum Ehebunde reichend dem Mann ihrer Wahl in die Ferne folgte Lowood war seit jenem Tage einsam für sie geworden ihre Ruhe und Zufriedenheit mit der einförmigen Gegenwart war erschüttert und sie sehnte sich hinaus in die Welt nach einem größeren Wirkungskreis nach anderen Verhältnissen und Anschauungen als das Waisenhaus ihr gewähren konnte — Ihr Entschluß war bald gefaßt ihr Plan überlegt ohne jegliche Verbindung mit der Außenwelt — Frau Reed hatte nie wieder nach ihr gefragt — mußte sie ganz allein und selbständig handeln um zum Ziel zu gelangen Ihr Gesuch in der Zeitung um eine Stelle als Erzieherin fand schnelle Erwiderung in dem freundlichen Brief einer Frau Fairfax zu Thornfield — so war derselbe unterzeichnet — welche sie für den Unterricht und die Erziehung eines sechsjährigen Mädchens zu engagieren bereit war und den Wunsch aussprach daß Jane in 14 Tagen ihre Stelle antreten möchte — So war denn der Würfel gefallen Jane sollte wieder hinaus aus Lowoods schützenden Mauern wo sie eine Heimat gefunden hinaus in die ihr so fremde doch geheimnißvoll lockende Welt Ein bedeutender Abschnitt ihres Lebens lag hinter ihr einem noch wichtigeren ging sie entgegen mit neuen Pflichten neuen Kämpfen und Gefahren — auch mit neuem Glück und neuer Lebensfreude — Thränen verdunkelten ihre Augen als sie sich noch einmal aus dem Wagen herausneigte um Lowood's Mauern den letzten Scheidegruß zuzuwinken doch waren es keine Thränen der Erbitterung und Hoffnungslosigkeit mit denen sie vor mehr denn acht Jahren Gates-Hall verließ sondern Thränen milder Wehmut und des innigsten Dankes gegen den Lenker ihres Schicksals Viertes Kapitel Am späten Abend langte Jane an ihrem Bestimmungsort an In der Dunkelheit konnte sie nur unklar die gewaltigen Umrisse des Schlosses Thornfield mit seinen Zinnen und Türmchen erkennen als sie den Wagen verließ Ein gemütliches und angenehmes Bild bot sich jedoch ihren Blicken als der sie erwartende Diener sie in ein hell erleuchtetes Zimmer führte Ein runder Tisch neben einem lustig brennenden Feuer ein altmodischer Sessel mit hoher Lehne in dem eine kleine ältliche Dame in einer Wittwenhaube einem schwarzseidenen Kleide und schneeweißer