Jane Eyre die Waise von Lowood oder Gott führt die Seinen wunderbar Für 's Volk erzählt von D Berger Stereotyp Ausgabe Reutlingen Druck und Verlag von Enßlin und Laiblin Erstes Kapitel Ein kalter Novemberwind brachte so düstere Wolken und einen so durchdringenden Regen mit sich daß eine kleine Kinderschar geleitet von der Gouvernante eilends vom Spaziergang den Heimweg einschlug und durch die unbelaubten Wege des Parkes dem sicher schützenden Dache von Gates-Hall einem mit allem Komfort des Reichtums ausgestatteten Landsitz zueilte Dort angelangt drängten sich Elisa John und Mary um ihre Mutter welche im Wohnzimmer nahe dem Kamin auf einem Sopha liegend umgeben von ihren Lieblingen die für den Augenblick weder schrieen noch sich zankten vollkommen glücklich schien Etwas abseits von der Gruppe stand ein kleines zartgebautes Mädchen von ungefähr zehn Jahren mit blassem etwas verkümmertem Gesichtchen aus dem die großen dunklen Augen seltsam hervorleuchteten Dich muß man in Entfernung halten sagte Frau Reed ihre Tante — die eben Mary ein Stück Kuchen in den Mund steckte während sie liebkosend über Elisa 's Haar strich — weil Du ein böses ungehorsames kleines Mädchen bist und Dich erst bessern mußt ehe man Dich gern um sich haben möchte Jane so hieß die also Gescholtene war sich heute keiner besonderen Unart bewußt aber schon gewöhnt an solche Worte wie an das Ausgeschlossensein von der Familie schlich sie in einem unbemerkten Augenblicke leise in das Nebenzimmer Dort stand ein Bücherschrank dessen Inhalt das ganze Glück ihrer einsamen freudlosen Kindheit ausmachte Mit einem Buch auf den Knieen — sie liebte besonders Reisebeschreibungen die ihre lebhafte Phantasie anregten — konnte sie stundenlang alles Leid vergessen alle erlittene Ungerechtigkeit alle kränkende Zurücksetzung die das arme Kinderherz der kleinen Waise in dem Hause der reichen Verwandten täglich verwundeten Auch heute griff sie nach ihrem Lieblingsbuch stieg auf den breiten nischenartigen Fenstersitz auf dem sie niederhockte und die schweren damastenen Vorhänge welche lang herniederwallten fest hinter sich zuzog So war sie vor jedem Blick geschützt während sie selbst hinausblicken konnte durch die hellen Glasscheiben auf die öde Spätherbstlandschaft auf die trübe Wolken und Nebelmasse die sturmbewegten Gesträucher und den nassen Rasenplatz vor dem Hause Jane fühlte sich geborgen in ihrem Versteck und fast glücklich in diesem Bewußtsein sie fürchtete nichts als eine Störung doch kam diese nur zu bald Die Thür des Nebenzimmers ging auf Hoho Jungfer Träumerin wo steckst Du denn rief die Stimme John Reeds Sie ist wirklich nicht hier das böse Ding ist in den Regen hinaus Elisa das mußt Du der Mama sagen Wie gut daß ich den Vorhang zugezogen habe dachte Jane inbrünstig wünschend daß sie unentdeckt bleiben möchte Auch würde John sie nicht gefunden haben denn weder sein Auge noch sein Verstand waren scharf aber seine Schwester hatte kaum den Kopf durch die Thür gesteckt als sie ausrief Gewiß ist sie auf dem Fenstersitz John Jane trat sogleich hervor zitternd bei dem Gedanken daß der gefürchtete John sie sonst mit Gewalt herausziehen könnte Was willst Du von mir fragte sie schüchtern Sage