das Mißbehagen zu schildern das ich empfand als der schöne Saint-John ein wenig zu mir herabgebeugt und seine durchbohrenden Augen auf die meinigen geheftet mir den Friedenskuß gab Wenn es Marmorküsse oder Eisküsse gäbe so würde ich mich dieser Metapher bedienen um die geistliche Liebkosung meines Vetters damit zu vergleichen doch streng genommen kann es auch Versuchsküsse geben und zu dieser Gattung gehörte der seinige unzweifelhaft Als Saint John ihn mir gegeben hatte blickte er mich an um die Wirkung desselben zu ergründen aber wie sie leicht denken können war diese Wirkung so gut als gar keine Ich bin fest überzeugt daß ich nicht im mindesten errötete aber vielleicht wurde ich noch etwas bleicher als gewöhnlich denn der sonderbare Kuß kam mir vor wie ein Siegel das auf die Ketten gedrückt wurde deren Last ich zu fühlen begann Von diesem Abend an wurde die Zeremonie des Kusses regelmäßig eingeführt und die ernsthafte Gutwilligkeit mit der ich mich derselben unterwarf schien meinem frommen Vetter Freude zu machen Der Schöpfer hat jedoch in das weibliche Herz ein so lebhaftes Bedürfnis nach Zuneigung und Liebe gelegt daß ich nach und nach mit jedem Tage eifriger wünschte mir den Beifall meines Lehrers zu erwerben Zu dem Ende mußte ich die Hälfte meines Ich verleugnen ich mußte die Hälfte meiner Anlagen ersticken meine Neigungen von ihrem natürlichen Gange ablenken nach Plänen und Bestrebungen zuwenden die nicht nach meinem Sinne waren Saint-John wollte mich auf eine Höhe emporziehen wo ich nicht mehr atmen konnte eine undankbare Aufgabe ein zweckloser Kampf gerade als hätte er meinen unregelmäßigen Zügen das vollkommene Ebenmaß seines Gesichts geben oder die Farbe meiner Augen verwandeln und ihnen das dunkle Blau der seinen mitteilen wollen Etwas erreichte er indessen ich verlor nach und nach den heiteren Sinn der ihm mehr oder weniger mißfallen hatte während ich beständig den sehnlichen Wunsch hegte Nachricht über das Schicksal Mr Rochesters zu erlangen Mehr als einmal hatte ich meine geschäftlichen Beziehungen zu Mr Briggs benutzt um mir von diesem Auskunft über das Befinden und über den Aufenthalt meines ehemaligen Gebieters zu erbitten Aber Mr Briggs stand mit den Bewohnern von Thornfield-Hall nicht in Verbindung und er konnte mir daher nichts Näheres mitteilen Da meine Bemühungen auf dieser Seite erfolglos waren so wendete ich mich an Mistreß Fairfax Mein erster Brief blieb unbeantwortet Nach zwei Monaten schrieb ich noch einmal da ich glaubte mein Brief könnte verloren gegangen sein Aber es verging ein Monat zwei Monate ein halbes Jahr ohne daß ich die geringste Nachricht erhielt und die jeden Morgen getäuschte Hoffnung war endlich ganz von mir gewichen doch nicht ohne einen tiefen Kummer zurückzulassen über den ich mich aber gegen niemand aussprach Jane wir wollen einen Spaziergang machen redete mich Saint-John eines Morgens an Recht gern ich will Mary und Diana rufen Nein diesen Morgen will ich allein mit Ihnen gehen Ich habe nie in meinem Leben einen Mittelweg zwischen unbedingtem Gehorsam und beharrlichem Widerstreben gekannt besonders gebieterischen Charakteren gegenüber die mit dem meinigen in direkten Widerspruch