Kartoffeln oder von Weißbrot in frischer Milch zu bereiten mit welchem ich sonst meinen nagenden Hunger zu beschwichtigen pflegte statt dessen schwelgte ich im Anblicke idealer Zeichnungen die ich mir im Finstern vorzauberte alles Werke von meiner Arbeit aus freier Hand gepinselte Häuser und Bäume malerische Felsen und Ruinen Thiergruppen in Cuyp’s Manier zarte Zeichnungen von Schmetterlingen auf halberblühten Rosen von Vögeln die an reifen Kirschen pickten von Zaunkönignestern mit perlgleichen in Immergrünsprossen liegenden Eierchen Dann dachte ich darüber nach ob ich wohl je im Stande sein würde ein gewisses kleines französisches Märchenbuch zu übersetzen welches mir Madame Pierrot im Verlaufe des Tages gezeigt hatte und noch war ich über die Möglichkeit einer solchen Vervollkommnung nicht im Klaren als ich auch schon sanft und selig entschlief Salomon hatte Recht wenn er sagte Besser ein Mittagessen von Kräutern mit Liebe genossen als ein Mastochse mit Haß verzehrt Nicht um eine Welt hätte ich nun Lowood mit all seinen Entbehrungen um Gatesheadhall sammt seinen täglichen Leckermahlen vertauscht IX Doch die Entbehrungen oder besser gesagt die Beschwerlichkeiten des Schulaufenthaltes verminderten sich Der Frühling war im Anzuge oder vielmehr schon gekommen die Winterfröste hatten nachgelassen der Schnee war geschmolzen der schneidende Wind einer gelinderen Luft gewichen Meine armen in der Winteratmosphäre aufgeschwollenen beinahe lahmen Beine begannen unter dem Einflusse der milden Frühlingszeit zu heilen nicht länger machten die Nächte und Morgen durch ihre canadische Temperatur das Blut in den Adern erstarren die Spielstunde im Garten war erträglich zuweilen an einem sonnigen Tage sogar einladend angenehm die fahlen Beete überzog ein frisches Grün das täglich üppiger wurde und den Gedanken hervorrief die Hoffnung selbst betrete sie bei Nacht und hinterlasse jeden Morgen glänzendere Spuren ihrer Tritte Bunte Blumen Schneeglöckchen Crocusse purpurfarbige Aurikeln und goldäugige Dreifaltigkeitsblumen sproßten aus den Blättern empor an Donnerstagnachmittagen wo wir halbe Ferien hatten machten wir nun häufige Ausflüge und fanden täglich glänzendere und duftendere Blumen am Wegrande unter den Hecken erschlossen Ich entdeckte nun auch daß ein großer Vergnügungsplatz ein solcher den der Himmel allein einschloß außerhalb der hohen mit Nägeln beschlagenen Gartenwand lag er bestand in einer Kette steiler Bergkuppen die eine grüne schattige Thalschlucht umschlossen in einem hellen Bächlein voll dunklen Gesteins und schäumender Wirbel Wie ganz anders zeigte sich diese Gegend als ich sie unterm eisengrauen Winterhimmel starr vor Frost mit dichtem Schnee überzogen gesehen hatte wo tödtlich kalte Nebel vom Ostwinde getrieben über die nun purpurgesäumten Gipfel hinzogen und dann jählings zum Bache hinunterrollten mit dessen gefrorenen Dünsten sie sich vermählten Der Bach selbst war damals zu einem wilden trüben Bergstrome angeschwollen der Bäume mit sich fortriß und die durch Platzregen und Schneegestöber verfinsterte Luft mit seinem schauerlichen Tosen erfüllte Der Wald an seinen Ufern bot in seiner blätterlosen Nacktheit das Bild in Reihen aufgestellter Skelette Dem milden April folgte der blüthenreiche Wonnemonat Und was für ein heiterer prachtvoller Mai das war Tage mit blauem Himmel warmem Sonnenschein und sanften West und Südwinden bezeichneten seine Dauer Die Vegetation schoß mit Macht empor Lowood schüttelte seine Fesseln ab