“ Das Blut stieg ihm von Neuem in 's Gesicht und seine Augen funkelten er stand auf und breitete seine Arme aus Aber ich täuschte seine Hoffnung und ohne noch einen Augenblick zu zögern verließ ich das Zimmer „Lebe wohl “ rief mein zerrissenes Herz als ich ihn so allein zurückließ Und tausend Stimmen wiederholten in meinem Innern „Lebe wohl auf ewig “ 11 Kapitel Die Flucht der Waise Ich erwartete nicht daß ich diese Nacht schlafen würde aber meine Augen schlossen sich sogleich als ich den Kopf auf das Kissen gelegt hatte Ich erwachte indessen noch vor Tagesanbruch und im Juli sind die Nächte bekanntlich nicht lang „Ich kann das Werk zu dem ich berufen bin nicht früh genug beginnen “ sagte ich zu mir selbst fest entschlossen der Versuchung zu entfliehen die noch auf mich einstürmte Ich stand daher auf und meine Toilette war bald beendigt denn als ich mich auf mein Bett geworfen hatte ich nur meine Fußbekleidung abgelegt Dann suchte ich im Dunkeln in meiner Kommode ein wenig Wäsche eine Agraffe und einen Ring Dabei begegneten meine Hände den Perlen eines prachtvollen Kollier das Mr Rochester einige Tage vorher anzunehmen mich gezwungen hatte Ich ließ den Schmuck zurück denn er gehörte nicht mir sondern der chimärischen Braut die wie ein Traum verschwunden war Aus dem Uebrigen machte ich ein kleines Paket und nahm meine Geldbörse welche zwanzig Schillinge mein ganzes Vermögen enthielt Dann setzte ich meinen einfachen Strohhut auf warf meinen Shawl über die Schultern und indem ich meine Schuhe in die Hand nahm die ich noch nicht hatte wieder anziehen wollen schlich ich vorsichtig in den Korridor „Lebe wohl gute Mistreß Fairfax “ flüsterte ich als ich bei ihrer Tür vorüberging „Lebe wohl liebliche Adele '“ sagte ich mit einem Blicke nach der Kinderstube denn ich wagte es nicht hinein zu gehen um das liebe Kind noch einmal zu umarmen da ich ein feines Ohr täuschen mußte das vielleicht in diesem Augenblicke lauschte Ich wäre gern an Rochesters Zimmer vorübergegangen ohne stehen zu bleiben aber als ich vor dieser Schwelle stand die mein Geist so oft überschritten hatte stockten plötzlich die Schläge meines Herzens und meine Füße versagten mir den Dienst Mr Rochester schlief nicht Ein hastiger Schritt durchmaß das Zimmer in allen Richtungen mehrere Male glaubte ich das Geräusch eines schmerzlichen Seufzers zu vernehmen Und dort hinter dieser schwachen Tür erwartete mich himmlische Seligkeit wenigstens für einige flüchtige Stunden Ich brauchte nur einzutreten und die einfachen Worte zu sagen „Mr Rochester ich liebe Sie und werde Sie bis zum Tode lieben bis zum Tode will ich Ihre treue Gefährtin sein “ und eine Quelle der höchsten Wonne hätte sich meinen schmachtenden Lippen geöffnet Ja liebe Freundin dies waren meine Gedanken Dieser Mann der mich zärtlich liebte er konnte nicht schlafen und erwartete mit Ungeduld den Tag Sobald der Morgen erschien ließ er mich gewiß zu sich rufen und ich war fort Er ließ mich überall suchen vergebens Er sah sich verlassen seine Liebe verschmäht