jenen Tagen noch nicht allgemein getragen hing an ihrem Gürtel Um das Bild vollständig zu machen muß der Leser sich noch feine vornehme Züge hinzudenken eine bleiche aber klare Gesichtsfarbe eine stattliche Haltung und Gestalt und dann hat er so deutlich wie Worte ihn zu geben vermögen einen richtigen Begriff von dem Äußeren der Miß Temple der Vorsteherin von Lowood Sie nahm ihren Sitz vor einem Globus ein der auf einem der Tische stand ließ die erste Klasse herantreten und begann dann eine Unterrichtsstunde in Geographie zu geben Die niederen Klassen versammelten sich um ihre Lehrerinnen welche in der Weltgeschichte und Grammatik unterrichteten Dies dauerte eine Stunde Dann folgte Rechnen und Schreibunterricht und Miß Temple gab einigen größeren Mädchen Musikstunde bis es zwölf schlug Die Vorsteherin erhob sich Ich habe einige Worte an die Schülerinnen zu richten Der Tumult welcher nach Beendigung der Schulstunden einzutreten pflegte hatte sich bereits erhoben aber er legte sich sofort beim Klange ihrer Stimme Sie fuhr fort Ihr habt heute morgen ein Frühstück gehabt welches ihr nicht essen konntet ihr müßt hungrig sein ich habe befohlen daß für euch alle ein zweites Frühstück von Brot und Käse aufgetragen wird Die Lehrerinnen sahen sie mit Erstaunen an Es geschieht auf meine Verantwortung fügte sie erklärend für die Damen hinzu gleich darauf verließ sie das Zimmer Brot und Käse wurden alsbald hereingebracht und verteilt zum größten Ergötzen und zur Erquickung der ganzen Schule Und nun hieß es In den Garten Jede Schülerin setzte einen groben häßlichen Strohhut mit Bändern von buntem Kattun auf und warf einen Mantel von grauem Fries um Ich wurde in gleicher Weise ausgestattet und dem Strome folgend machte ich meinen Weg in die frische Luft hinaus Der Garten war mit hohen Mauern umgeben Jede Aussicht in die Ferne war unmöglich Kleine Beete waren den Schülerinnen zum Bebauen und zur Pflege übergeben und jedes Beet hatte eine Eigentümerin Ohne Zweifel waren sie sehr hübsch wenn sie mit Blumen bedeckt waren aber jetzt gegen Ende des Monats Januar zeigten sie sich nur im Bilde der winterlichen Zerstörung und des traurigen Verfalls Es durchschauerte mich als ich so umherblickte Der Boden unter unseren Füßen war durch den gestrigen Regen noch gänzlich durchweicht Die kräftigeren unter den Mädchen liefen umher und belustigten sich mit fröhlichen Spielen aber unter der Veranda standen bleiche magere Gestalten die ängstlich zusammenkrochen als suchten sie hier Schutz und Wärme Bis jetzt hatte ich noch mit niemand gesprochen und niemand hatte von mir Kenntnis genommen ganz einsam stand ich da aber an dieses Gefühl der Vereinsamung war ich ja gewöhnt es bedrückte mich nicht mehr als sonst Ich lehnte mich gegen einen Pfeiler der Veranda zog meinen grauen Mantel fest um mich zusammen und indem ich versuchte die Kälte die mich von außen schmerzte und den ungestillten Hunger der von innen an mir nagte zu vergessen gab ich mich ganz der Beschäftigung hin zu beobachten und nachzudenken Ich blickte in dem klösterlichen Garten umher dann zum Hause hinauf Es war ein großes Gebäude