Höchste als Miß Temple Helene fragte ob sie bisweilen einen Augenblick benutze um das Latein aufzufrischen wo rin ihr Vater sie unterrichtet hatte Hierauf nahm sie ein Buch aus ihrem Bücherschrank und forderte Helene auf eine Seite im Virgil zu lesen und zu übersetzen Helene gehorchte und meine Vewunderung steigerte sich bei jeder klangvollen Zeile Kaum war sie damit zu Ende als die Glocke die Zeit zum Schlafengehen verkündete Jetzt war unseres Bleibens nicht mehr Miß Temple umarmte uns Beide und sagte indem sie uns an ihr Herz drückte Gott segne Euch meine Kinder Helene hielt sie ein wenig länger umarmt als mich und ließ sie nur widerstrebend von sich wobei sie abermals einen traurigen Seufzer ausstieß und eine Thräne von ihrer Wange trocknete Als wir das Schlafzimmer erreichten hörten wir die Stimme der Miß Scatcherd Sie untersuchte die Fächer und war eben mit Helenens Fach beschäftigt Helene wurde mit einem heftigen Tadel empfangen und Miß Scatcherd kündigte ihr an daß ihr am nächsten Morgen zur Strafe ein Papier angeheftet werden solle worauf ihr Vergehen bezeichnet sei Meine Sachen waren freilich in schmachvoller Unordnung flüsterte Helene mir zu ich wollte sie ordnen vergaß es aber Am nächsten Morgen schrieb Miß Scatcherd mit großen Buchstaben das Wort Schlampe auf ein starkes Stück Papier und band es um Helenens Stirn Sie trug es bis zum Abend geduldig und ohne Zorn und betrachtete es als eine verdiente Strafe Sobald Miß Scatcherd sich nach der Nachmittagsschule ent fernte lief ich zu Helene riß das Papier herunter und warf es ins Feuer die Wuth hatte den ganzen Tag in meiner Seele gebrannt und beständig flossen große und heiße Thränen über meine Wange denn der Anblick ihrer traurigen Resignation verursachte meinem Herzen eine unerträglice Pein Etwa eine Woche nach diesen Vorfällen erhielt Miß Temple eine Antwort von Herrn Lloyd und es schien als ob dieselbe meine Aussage bestätigt habe Nachdem Miß Temple die ganze Schule versammelt hatte verkündete sie daß sie wegen der gegen Johanna Eyre erhobenen Anklagen Nachforschungen angestellt habe und sich glücklich fühle die Schülerin für völlig frei von jeder Schuld erklären zu können Die Lehrerinnen drückten mir die Hände und küßten mich und ein freudiges Gemurmel lief durch die Reihen meiner Mitschülerinnen So von einer schweren Last befreit machte ich mich von dieser Stunde an frisch ans Werk und beschloß jede Schwierigkeit zu überwinden ich arbeitete angestrengt und der Erfolg lohnte meine Be mühungen Die Uebung schärfte meinen Verstand in wenigen Wochen wurde ich in eine höhere Classe versetzt und kaum zwei Monate darauf erhielt ich die Erlaubnis das Französische und das Zeichnen anzufangen An demselben Tage zeichnete ich meine erste Hütte deren schräge Wände die Stellung des Thurmes zu Pisa noch übertrafen Als ich am Abend zu Bett ging unterhielt ich mich mit idealen Zeichnun gen die ich im Dunkeln sah und die alle das Werk meiner Hände waren mit frei gezeichneten Häusern und Bäumen malerischen Felsen und Ruinen lieblichen Schmetterlingen die Rosenknospen umschwärmten und Vögeln die an reifen Kirschen pickten Ich