Fräulein Temple widmete sich jetzt ausschließlich den Patienten und kam aus dem Krankenzimmer nicht mehr heraus Die Mehrzahl der Gesunden verließ Lowood denn nur wenige waren nicht so glücklich Verwandte oder Bekannte zu haben die in der Not sich ihrer annahmen So wurde es nun sehr still und einsam um die Zurückgebliebenen her aber es war dennoch eine schöne freie Zeit nur daß wir von unsern Ausflügen heimkehrend immer wieder von Krankheit und Tod angeweht wurden Es roch im ganzen Hause wie in einem Hospital und von Zeit zu Zeit ließ sich der Leichenwagen wieder sehen Wir trieben uns den Tag über im Walde und auf der Wiese herum taten was wir wollten und waren ohne jede Arbeit und Aufsicht aber auch in anderer Hinsicht wurde unser Leben jetzt besser Die Seuche lenkte die Aufmerksamkeit der Behörde auf Lowood eine Untersuchung wurde angestellt die Herrn Brocklehurst einen schweren öffentlichen Tadel zuzog Die Haushälterin wurde entlassen und eine neue angestellt die uns in der ersten Zeit sehr reichlich mit Speise und Trank versorgte Man setzte neben Herrn Brocklehurst dem man seines Reichtums und Ansehens halber den Posten des Direktors doch nicht nehmen konnte eine Art Aufsichtsrat ein so daß nun alles ordentlicher und gewissenhafter besorgt wurde als je zuvor Zu den Schwerkranken gehörte auch Helen Burns aber bei ihr hatte das typhöse Fieber ein noch schlimmeres Leiden zu plötzlichem Ausbruch gebracht eine rettungslose Schwindsucht Von uns Mädchen wurde deshalb niemand zu ihr gelassen ja wir wußten nicht einmal in welchem Zimmer sie lag Eines Abends war ich mit Mary Wilson der Gefährtin an die ich mich in letzter Zeit der Mond schien und während Mary Wilson schon hineingegangen war stand ich noch im Schatten der Tür und hörte nun wie eine Krankenwärterin sich nach dem Befinden der Helen Burns erkundigte Sehr schlecht antwortete der Doktor Sie macht 's nicht mehr lange Dann ist es wenigstens gut daß man sie in Fräulein Temples Stube gebracht hat meinte die Wärterin Der Arzt zuckte die Achseln und ging Zwei Stunden nach dem Zubettgehn gegen elf Uhr stand ich leise auf zog das Kleid über das Nachthemd schlich hinaus und ging in Fräulein Temples Zimmer An der Tür des allgemeinen Krankenzimmers aus dem ein scharfer Kampfergeruch hervordrang eilte ich geräuschlos vorüber denn ich fürchtete die Kranken wärterin die dort die ganze Nacht über wachte könnte mich hören und zurückschicken Und ich mußte Helen sehen ich mußte sie noch einmal ans Herz drücken ehe sie starb Ich hatte in wenigen Minuten mein Ziel erreicht ich öffnete die Tür und schlüpfte hinein Dicht neben Fräulein Temples Bett stand ein kleineres und darauf erkannte ich Helens Antlitz Die Wärterin die für sie zu sorgen hatte schlief in einem Lehnstuhl und hörte mich nicht Fräulein Temple war nicht da man hatte sie wie ich später hörte zu einer Fieberkranken gerufen Leise trat ich an das Bettchen schob den Vorhang zur Seite und flüsterte Helen bist du wach Sie bewegte sich und drehte ihr Gesicht herum auf das nun das