Waldland Der Garten prangte im Blumenflor Rosenpalmen waren so hoch wie Bäume in die Höhe geschossen Lilienkelche waren erschlossen Tulpen und Rosen standen in Blüte die Ränder der kleinen Beete strahlten in ihrem Schmuck von rosa Seenelken und dunkelroten Tausendschönchen Morgen und Abend strömten die Heckenrosen ihren würzigen Duft aus – und diese blühenden Schätze waren jetzt für die meisten Bewohnerinnen von Lowood wertlos – nur zuweilen legte man ihnen eine Handvoll Blüten und Kräuter in den Sarg Aber ich und die übrigen welche gesund blieben genossen in vollen Zügen die Schönheit des Frühlings und der Gegend man ließ uns wie Zigeuner im Walde umher streifen wir thaten von morgens bis abends nur was uns gefiel gingen wohin wir wollten – und führten überhaupt ein besseres Dasein als früher Mr Brocklehurst und seine Familie kamen Lowood jetzt gar nicht mehr zu nahe die Angelegenheiten der Haushaltung wurden nicht mehr geprüft die böse Haushälterin war fort die Furcht vor Ansteckung hatte sie fortgetrieben ihre Nachfolgerin welche in der Armenapotheke in Lowton Vorsteherin gewesen war kannte die Gebräuche ihres neuen Aufenthalts noch nicht und versorgte uns mit verhältnismäßiger Freigebigkeit Außerdem waren unserer ja weniger die da Nahrung verlangten die Kranken konnten wenig essen unsere Frühstücksschüsseln wurden besser gefüllt wenn sie keine Zeit hatte ein regelrechtes Mittagessen herzurichten – ein Fall der ziemlich häufig eintrat – pflegte sie uns ein großes Stück kalter Pastete zu geben oder eine große Schnitte Brot und Käse und diesen Proviant nahmen wir dann mit uns in den Wald hinaus wo jede von uns ihr Lieblingsplätzchen aussuchte und ein königliches Mahl hielt Mein Lieblingssitz war ein breiter glatter Stein welcher weiß und trocken mitten aus dem Waldbache herausragte er war nur zu erreichen indem ich durch das Wasser watete und diese That vollbrachte ich denn ziemlich oft und zwar barfuß Der Stein war gerade breit genug um außer mir noch einem anderen Mädchen bequemen Platz zu gewähren dies war Mary Ann Wilson damals meine auserwählte Gefährtin sie war ein kluges beobachtendes Geschöpf deren Gesellschaft mir Freude machte teilweise weil sie witzig und originell war und teilweise weil sie Manieren und Sitten hatte welche mir besonders zusagten Um einige Jahre älter als ich kannte sie mehr von der Welt und konnte mir von vielen Dingen erzählen die ich gern hörte in ihrer Gesellschaft wurde meine Neugierde befriedigt mit meinen Fehlern hatte sie die größte Nachsicht und niemals versuchte sie meinen Worten Zwang oder Zügel anzulegen Sie hatte ein großes Erzählertalent – ich besaß Talent für die Analyse sie liebte es zu belehren – ich zu fragen so wurden wir prächtig miteinander fertig und zogen wenn auch nicht viel Belehrung so doch viel Vergnügen aus unseren gegenseitigen Verkehr Und wo war inzwischen Helen Burns Weshalb brachte ich diese süßen Tage der Freiheit nicht in ihrer Gesellschaft zu Hatte ich sie vergessen Oder war ich so leichtsinnig so unwürdig daß ich ihrer veredelnden Gesellschaft müde geworden Gewiß war die obenerwähnte Mary Ann Wilson jener meiner ersten Freundin nicht ebenbürtig sie konnte