dich gewesen ohne Zweifel weil sie – das mußt du begreifen lernen – deinen Charakter ebenso widerlich findet wie Miß Scatcherd den meinen Wie genau du dich aber an alles erinnerst was sie dir gethan was sie dir gesagt hat Welch einen seltsam tiefen Eindruck ihre Ungerechtigkeit auf dein Herz gemacht zu haben scheint So tief vermag die Erinnerung an erlittenes Unrecht sich meinem Gefühl nicht einzuprägen Würdest du nicht glücklicher sein wenn du versuchtest ihre Strenge zu vergessen sowie die leidenschaftlichen Empfindungen welche diese wachrief Das Leben scheint mir doch zu kurz zu sein um es damit hinzubringen Feindseligkeit zu nähren und erduldete Unbill zu verzeichnen Ein jeder von uns ist auf dieser Welt mit Fehlern beladen und er muß es sein – aber bald wird die Zeit kommen das hoffe ich zuversichtlich wo wir sie ablegen zusammen mit unserem vergänglichen irdischen Leibe wo wir Vergänglichkeit und Sünde mit diesem hinfälligen Fleische von uns streifen und nur der Geistesfunke zurückbleibt – dieser unerschütterliche unverrückbare Grundstein des Lebens und des Gedankens so rein geblieben wie er war als er vom Schöpfer ausging um die Kreatur zu beleben er wird dorthin zurückkehren von wannen er kam – vielleicht um in ein Wesen überzugehen das höher und erhabener ist als der Mensch – vielleicht um durch alle Phasen der Ewigkeit zur Herrlichkeit einzugehen von der ohnmächtigen menschlichen Seele bis hinauf zum Seraph zu steigen Denn gewiß nimmer kann es doch sein daß wir umgekehrt vom Menschen zum Teufel degenerieren Nein Das kann ich nicht glauben Mein Glaubensbekenntnis ist ein anderes Niemand hat es mich jemals gelehrt und nur selten spreche ich davon aber es ist meine ganze Glückseligkeit und ich klammere mich fest daran denn es gewährt allen Hoffnung – es macht die Ewigkeit zur Ruhe zum Frieden – zur himmlischen Heimat nicht zum Schrecken nicht zum Abgrund Und außerdem gewährt dieser Glaube mir die Fähigkeit zwischen dem Verbrecher und seinem Verbrechen zu unterscheiden Ich bin im stande ersterem von Herzen zu vergeben während ich seine That verabscheue Und dieser mein Glaube macht auch daß Rachegefühl mein Herz niemals quält Zurücksetzung mich nicht zu tief verwundet Ungerechtigkeit mich niemals ganz zermalmen kann ich lebe in Frieden und denke an das Ende « Helens Kopf den sie immer ein wenig gesenkt trug sank noch tiefer herab als sie die letzten Worte sprach Ich sah es ihren Blicken an daß sie kein Verlangen trug noch länger mit mir zu reden daß sie gern mit ihren eigenen Gedanken allein sein wollte Man ließ ihr jedoch nicht Zeit zum Nachdenken Eine Aufseherin ein großes grobes Mädchen trat in diesem Augenblick an sie heran und rief im ausgeprägten cumberländischen Accent »Helen Burns wenn du nicht hinauf gehst und augenblicklich Ordnung in deiner Schieblade machst und sofort deine Arbeit sauber zusammenfaltest so werde ich Miß Scatcherd rufen und sie bitten sich die Sache anzusehen.« Helen seufzte als ihre Träumereien ein so jähes Ende nahmen aber sie erhob sich und gehorchte der Aufseherin ohne Zögern ohne Erwiderung Siebentes Kapitel