Herz viel öfter in Dankbarkeit als daß es gejammert und getrauert hätte und doch mein lieber Leser wenn ich dir alles sagen soll inmitten dieses ruhigen dieses nützlichen Daseins – nachdem ich den Tag in ehrlichen Bestrebungen zwischen meinen Schülerinnen den Abend mit Zeichnen oder Lesen still und zufrieden zugebracht – pflegte ich in der Nacht gar seltsame Träume zu haben farbige bunte aufregende stürmische Träume – Träume in denen ich in einer fremden Umgebung voller Abenteuer zwischen furchtbaren Gefahren und romantischen Zwischenfällen immer und immer wieder Mr Rochester traf jedesmal in dem Augenblick wo irgend eine entscheidende Krisis eintrat und dann erneuerte sich mit all seiner ersten Macht seinem ersten Feuer das Gefühl in seinem Arm zu liegen seine Stimme zu hören seinem Blick zu begegnen seine Hand seine Wange zu berühren ihn zu lieben von ihm geliebt zu werden – und damit die Hoffnung ein ganzes langes Leben an seiner Seite zuzubringen Und dann erwachte ich Dann erinnerte ich mich wo ich war und meiner Lage Dann erhob ich mich von meinem einfachen Lager zitternd und bebend Und die stille dunkle Nacht sah die Zuckungen der Verzweiflung hörte den Jammer der Leidenschaft Um neun Uhr am nächsten Morgen begann ich pünktlich mit der Schule ruhig gefaßt vorbereitet auf die ernsten Pflichten des Tages Rosamond Oliver hielt ihr Versprechen mich zu besuchen Ihren Besuch in der Schule machte sie gewöhnlich zur Zeit ihres täglichen Morgenrittes Sie pflegte an der Thür des Schulhauses vorzureiten hinter ihr ein Livreediener ebenfalls zu Pferde Man kann sich kaum einen lieblicheren Anblick denken als ihre Erscheinung in ihrem dunkelroten Reitkleide das Amazonenhütchen von schwarzem Sammet graziös auf ihre langen Locken gedrückt die ihre Wangen umflossen und über ihre Schultern herabwallten so trat sie in das einfache ländliche Gebäude und schwebte zwischen den Reihen der halbgeblendeten Dorfkinder auf und ab Gewöhnlich kam sie um die Zeit wo Mr Rivers damit beschäftigt war seinen täglichen Katechismusunterricht zu geben Ich fürchte daß das Auge der holden Besucherin das Herz des jungen Priesters schmerzlich durchbohrte Eine Art von Instinkt schien ihm ihren Eintritt anzuzeigen selbst wenn er ihn nicht mit eigenen Augen sah Wenn er in der entgegengesetzten Richtung von der Thür blickte sobald sie in derselben erschien so wurden seine Wangen wie mit Glut übergossen und seine Züge – wie sehr er auch dagegen kämpfen mochte – veränderten sich in unbeschreiblicher Weise Natürlich war sie sich ihrer Macht bewußt und in der That er verbarg es nicht vor ihr weil er es nicht konnte Trotz seines christlichen Stoicismus pflegte seine Hand zu zittern sein Auge aufzuflammen wenn sie auf ihn zuging und mit ihm sprach und ihm fröhlich ermunternd ja sogar zärtlich ins Gesicht lächelte Er schien mit seinem traurigen entschlossenen Blicke zu sagen wenn er es auch nicht aussprach »Ich liebe dich und ich weiß daß du mich lieb hast Nicht weil ich am Erfolge zweifle bleiben meine Lippen stumm Ich glaube daß du mein Herz annehmen würdest wenn ich es dir darböte Aber dieses Herz