Tage getragen und zwar wie ich damals gehofft zum letzten Male Dann setzte ich mich Ich fühlte mich müde und matt Ich verschränkte die Arme auf dem Tische und legte meinen Kopf darauf Und jetzt begann ich zu denken Bis zu diesem Augenblick hatte ich nur gehört gesehen hatte mich bewegt – ich war hinauf und hinuntergelaufen wohin man mich geführt oder gezogen hatte – ich hatte beobachtet wie eine fürchterliche Begebenheit der andern folgte wie auf eine grausame Enthüllung die nächste kam – aber erst jetzt begann ich zu denken Der Morgen war mit Ausnahme des einen kurzen Auftrittes mit der Wahnsinnigen ein ziemlich ruhiger gewesen Die Transaktion in der Kirche war ohne Lärm vor sich gegangen Keine Ausbrüche der Leidenschaft kein lauter Wortwechsel kein Streit keine Herausforderung keine Weigerung keine Thränen kein Schluchzen Nur wenige Worte waren gesprochen worden eine ruhig ausgesprochene Einwendung gegen die Heirat einige harte Fragen von Mr Rochesters Seite Antworten und Erklärungen wurden gegeben Beweise beigebracht mein Herr und Gebieter hatte die Wahrheit offen eingestanden – und dann hatten wir den lebenden Beweis gesehen Jetzt waren all jene Eindringlinge wieder fort – Alles war vorüber Ich war wie gewöhnlich in meinem Zimmer – mein eigenes Selbst ohne die geringste sichtbare Veränderung Ich war nicht verwundet oder verletzt – niemand hatte mich geschlagen niemand hatte mich beschimpft – Und doch Wo war die Jane Eyre von gestern – wo war ihr Leben – wo ihre Hoffnungen fürs Leben Jane Eyre die ein liebendes erwartungsvolles Weib – beinahe schon Gattin gewesen – war wieder ein kaltes starres einsames Mädchen Ihr Leben war farblos ihre Aussichten trostlos Ein harter Winterfrost war um die Mittsommerzeit gekommen ein scharfer Dezembersturm war durch den Juni gebraust Reif lag auf den heranreifenden Früchten Schneewehen hatten die knospenden Rosen erdrückt ein eisiges Leichentuch lag über blühenden Wiesen und wogenden Kornfeldern Heckenwege die gestern noch im glühenden Blumenschmuck prangten waren heute verschneit und pfadlos und die Wälder welche vor zwölf Stunden noch duftig und schattig rauschten wie tropische Haine lagen heute weit und wild und weiß da wie Tannenwälder im winterlichen Norwegen All meine Hoffnungen waren tot – gestorben unter einem grausamen Urteil so wie es in einer einzigen Nacht all die Erstgeborenen Egyptens befallen hatte Ich sah auf meine teuersten Wünsche – gestern noch so prangend und üppig – sie lagen da wie kalte starre bleiche Tote die nichts mehr zum Leben zu erwecken vermochte Und dann blickte ich auf meine Liebe jene Empfindung die meinem Herrn gehörte – die er geweckt hatte sie lebte in meinem Herzen wie ein krankes Kind in einer kalten harten Wiege Angst und Krankheit hatten sie erfaßt sie durfte Mr Rochesters Arm nicht mehr suchen – sie konnte nicht mehr Lebenswärme an seiner Brust finden O nimmer nimmermehr durfte sie zu ihm flüchten denn der Glaube war dahin – das Vertrauen zerstört Mr Rochester war für mich nicht mehr was er gewesen denn er war nicht das wofür ich ihn gehalten Ich wollte ihm nicht Lasterhaftigkeit