ich wohl die Anfangsgründe der hindostanischen Sprache bei ihm erlernen möchte er wolle mich darin unterrichten „Was könnte diese Sprache einem Mädchen nützen “ fragte ich „Vielleicht hat Gott Sie wie mich zu einem Werkzeug erkoren um die Lehren der Religion unter den Heiden zu verbreiten.“ Ich fühle keinen solchen Beruf in mir und noch weniger mich demselben gewachsen.“ Des Abends wenn wir uns trennten um zur Ruhe zu gehen pflegte Saint-John seine Schwestern zu küssen nachdem sie ihm eine gute Nacht gewünscht hatten Ich dagegen mußte mich mit einem Händedruck begnügen Einmal nur äußerte Diana welche mit einem heitern Charakter einen sehr festen Willen verband der sich nicht so leicht wie der meinige allen Anforderungen ihres Bruders fügte „daß ein solcher Unterschied höchst unrecht sei daß Saint-John versprochen habe mich als seine dritte Schwester zu betrachten “ und stieß mich nolens volens in seine Arme Meine Verlegenheit war unbeschreiblich und ich will es nicht versuchen Ihnen das Mißbehagen zu schildern das ich empfand als der schöne Saint-John ein wenig zu mir herabgebeugt und seine durchbohrenden Augen auf die meinigen geheftet mir den Friedenskuß gab Wenn es Marmorküsse oder Eisküsse gäbe so würde ich mich dieser Metapher bedienen um die geistliche Liebkosung meines Vetters damit zu vergleichen doch streng genommen kann es auch „Versuchsküsse“ geben und zu dieser Gattung gehörte der seinige unzweifelhaft Als Saint-John ihn mir gegeben hatte blickte er mich an um die Wirkung desselben zu ergründen aber wie Sie leicht denken können war die Wirkung so gut als gar keine Ich bin fest überzeugt daß ich nicht im mindesten errötete aber vielleicht wurde ich noch etwas bleicher als gewöhnlich denn der sonderbare Kuß kam mir vor wie ein Siegel das auf die Ketten gedrückt wurde deren Last ich zu fühlen begann Von diesem Abend an wurde die Zeremonie des Kusses regelmäßig eingeführt und die ernsthafte Gutwilligkeit mit der ich mich derselben unterwarf schien meinem frommen Vetter Freude zu machen Der Schöpfer hat jedoch in das weibliche Herz ein so lebhaftes Bedürfnis nach Zuneigung und Liebe gelegt daß ich nach und nach mit jedem Tage eifriger wünschte mir den Beifall meines Lehrers zu erwerben Zu dem Ende mußte ich die Hälfte meines Ichs verleugnen ich musste die Hälfte meiner Anlagen ersticken meine Neigungen von ihrem natürlichn Hange ablenken nach Plänen und Bestrebungen zuwenden die nicht nach meinem inne waren Saint-John wollte mich auf eine Höhe emporziehen wo ich nicht mehr atmen konnte eine undankbare Aufgabe ein zweckloser Kampf gerade als hätte er meinen unregelmäßigen Zügen das vollkommene Ebenmaß seines Gesichts gegeben oder die Farbe meiner Augen verwandeln und ihnen das dunkle Blau der seinigen mitteilen wollen Etwas erreichte er indessen ich verlor nach und nach den heitern Sinn der ihm mehr oder weniger mißfallen hatte während ich beständig den sehnlichen Wunsch hegte Nachricht über das Schicksal Mr Rochesters zu erlangen Mehr als einmal hatte ich meine geschäftlichen Beziehungen zu Mr Briggs benutzt um mir von diesem Auskunft über das Befinden und über den Aufenthalt meines ehemaligen Gebieters zu