 Traumes
verständlich: der Bauernbursch und das Mädel haben Ähnlichkeit mit Hainlin und
seiner stillen Braut Rosel. Dass mir der Kandidat Hainlin in ländlicher Tracht
erschien, hat sich aus der Erinnerung hervorgesponnen, er habe, um Rosel
heiraten zu können, Gärtner werden wollen. Dazu passt die Weise: »Schliess du dein
Herz wohl in das mein', schliess eins ins andre Herz hinein - daraus soll blühn
ein Blümelein ...«
    Zärtliches Vergissnichtmein! Plötzlich in einem Herzenswinkel hab' ich dich
entdeckt. Und staune nun darüber, dass die Lichtgestalten meiner Knabenzeit, die
mir scheinbar aus dem Sinn gekommen waren, noch frisches Leben haben. Als hätten
sie sich geflüchtet in ein verborgenes Wunderland, wo keine Zeit schaden kann.
Heimat ewiger Jugend, wo bist du? Meint dich die Träumerei von Glastelfingen?
Findet man den Zugang zum heimlichen Märchendorf im Gemüte? Ist es das verklärte
Leben der Erinnerung?
    Anders als dort im geschützten Bereich geht's außen her, in der Welt, die
man Wirklichkeit nennt. Hier verblühen die Blumen, hier bleicht das Laub, hier
wütet das Stürmen der Zeit. Das Liebespaar, wie's mir im Traum erschien, gibt es
nicht mehr in der Außenwelt. Während der zweiundvierzig Jahre, die ich von
Tübingen fort bin, haben Hainlin und Rosel graue Haare bekommen und Runzeln.
Wenn sie überhaupt noch atmen. Hainlin wird längst tot sein. Hätte er noch ein
paar Jahrzehnte das Leben behalten, eine Spur von ihm wäre mir begegnet. In
einer Zeitung, einem Buche. Trug ich mich doch einst mit der Hoffnung, es werde
am deutschen Geisteshimmel ein Stern auftauchen, Dichter oder Philosoph, Hainlin
geheißen. Weil mir dieser Name in keinem Literaturblatt begegnet ist, weil ich
mir aber nicht denken kann, dass aus diesem Feuerkopf ein Durchschnittsmensch
geworden ist, so muss ihn der Strudel einer Welt verschlungen haben, die ja nie
das Element für Träumer war.
    Rosel könnte noch am Leben sein. Vielleicht haust sie in Tübingen oder
sonstwo im Ländle, als Witwe Hainlin oder als alte Jungfer ... Jedenfalls wäre
sie jetzt Greisin. Seltsamer Gedanke: das frische Mädel mit den blanken Augen -
das in mir so lieblich blüht wie der Traum von Glastelfingen - jetzt sitzt sie
vielleicht welk und weisshaarig im Stuhle, beim Kriegskaffee - schaut wehmütig
auf Hainlins Wandbild, während in der alten Kastenuhr der Perpendikel langsam
tickt und tackt:
»Net lang, so geht dir's Lichtle aus,
Ond steht bei Ührle still im Haus.
Jetzt, Menschekind: waas soll dees Ganz?
Oh, glaub: die Welt ischt Gaukeltanz,
Ischt bunter Traum, e Schattespiel ...
Du Närrle, gelt? Trau net so viel!«
    Wenn
