 dann
wieder Aufjubeln und Andacht, eine Beichte, die in Tönen ausdrücken möchte, was
unsagbar ist. Und mich begnadet jene Stille, die hinter allem Lebensgetriebe ihr
heimlich Wesen hat. Von Unrast leer, ist sie gleichwohl durchzittert von
Gefühlswellen. Alles lebt darin, was einst gewesen: Wie im Wasserspiegel, in den
ein Stein gefallen ist, kreisförmige Wellen entstehen und in der Ausdehnung
immer zarter werden, ohne dass ihre Wirksamkeit ganz verloren gehen kann. Wer
hineinzulauschen weiß, dem gibt diese mütterlich hegende Stille Verlorenes
wieder.
    Im Silberduft des Mondes schweben um mich Geister ... Bist du's, Vater? Ich
erkenne die hagerlange Gestalt, das ernste Gesicht mit der schwarzen Binde über
leerer Augenhöhle, die schwermütigen Falten um den schnurrbärtigen Mund. Aber
jetzt hast du, Vater, ein Lächeln so verklärt, wie ich's früher nicht an dir
gesehen. Und deine Sprache ist lautlos, unmittelbar dringt sie ins Herz,
durchleuchtend mit heiliger Klarheit ...
    Die Erscheinung zerfliesst - das Flötenspiel verliert sich, in eine Tiefe
scheint es zu sinken, und - aus meiner Versonnenheit fahr' ich empor ...
    Trunken von den Gesichten, die mir aufgegangen sind, wandle ich den
gewölbten Laubgang dahin, bis er auf die Neckarbrücke stößt, die oben quer geht.
Eine Treppe führt hinauf - es ist nicht mehr die alte Holzstiege, ist eine
breite Steintreppe. Oben ragt etwas wie ein Denkmal. Ich habe keine Neigung
hinzuschauen, biege nach rechts ab. Dort liegt der Gasthof zum Goldenen Ochsen,
wo ich logieren will. Auf meinen Wunsch wird mir sogleich das Schlafzimmer
angewiesen.
                                       *
    In tiefer Nacht wache ich auf. Ferne Musik - Blechinstrumente intonieren
eine wehmütige Weise. Soldaten, die im Trauerschritt einen Sarg zum Bahnhof
geleiten. »Ich - hatt - einen - Ka - me - ra - den ...« Ach ja, Krieg ist - und
Tübingen hat Lazarette. Dumpfes Krachen, - Gewehrsalven rufen dem Toten Ade.
Dann singen Studenten das Abschiedslied. Ein Jenenser Bursch hat's gedichtet,
als er nach vielen Jahren sein Musenstädtchen wieder besuchte. Ergriffen sprech'
ich die Worte für mich ins Dunkel:
»Auf den Bergen die Burgen,
Im Tale die Saale,
Im Städtchen die Mädchen -
Einst alles wie heut!
Ihr werten Gefährten,
Wo seid ihr zurzeit mir,
Ihr Lieben geblieben?
Ach, alle zerstreut!
Die einen, sie weinen,
Die andern, sie wandern;
Die dritten schon mitten
Im Wechsel der Zeit;
Auch viele am Ziele,
Zu den Toten entboten -
Verdorben, gestorben
In Lust und in Leid.«
    Am Morgen bin ich ausgeruht, die gestrige Überschwänglichkeit hat einer
ruhigen Heiterkeit Platz gemacht. Ich begebe
