 Fähigkeit seelisch zu leiden
zutrauen. Es liegt etwas in diesen aufgerissenen und hoffnungslos ins Leere
starrenden Augen, das nicht ganz durch eure mechanisch-physiologische Deutung
der fischaugenähnlichen Starrheit des Dirnenblicks erklärt wird.
    Leise sang der Wind, der von der See her kam, in den Zweigen über mir und
ich wanderte weiter bis ich inmitten dunkler Fichten und breitkroniger Kiefern
stand, in deren Nadeln die wehende Frühlingsluft seltsam träumerisch rauschte.
    Profanum volgus -! Sie liebt mich, weil ich sie liebe ihrer armen Seele
wegen. Täuschst du dich nicht? O du fragwürdiger Seelenschenker! Sie liebt mich,
weil sie glaubt, ich liebe sie ihrer armen Seele wegen. O du Gläubige an den
Seelenverschenker!
    Und ihre Liebe ist Dankbarkeit und die kann sie nicht anders zeigen als
durch Lust. Und ihr Leben hat sie mir sogleich enthüllt, deswegen weil sie
helläugig sind und zu oft verbrannt diese an seelischer Unterernährung
Leidenden, sie wollen sicher gehen: sieh, so bin ich - willst du mich trotzdem,
glaubst du trotzdem an meine Seele?
    O du Seelenschenker! Und war ich's nicht, so will ich's werden und mich der
Liebe derer freuen, die danach hungert, dass auch ihrer Seele ihr Recht
geschieht.
    Die Bäume über mir wurden unruhig und knackten mit den Zweigen und der leise
Wind, der nun stärker von der See her kam, schickte mich nach Haus.
    Ich aber glaubte, eine Erklärung gefunden zu haben für das Aufflackern ihrer
Augen, da sie mich zum ersten Male sah, für die Tränen, die sie über meine
Briefe und dummen Verse vergossen hatte, für ihre eigenen Briefe, in denen sie
von einem Glück stammelte, das sie durch mich erlangt und doch nie mehr erwartet
hätte, und für ihre ewigen nächtlichen Fragen: weswegen habe ich dich nur so
lieb? Ich fragte mich, ob sie jetzt diese Frage sich begrifflich beantworten
könnte.
    Es war inzwischen Mittag geworden und mein Putzer brachte mir die
Diensteinteilung für den nächsten Tag und die Mitteilung, dass die Abfahrt nach
dem Truppenübungsplatz für den kommenden Mittwoch festgesetzt sei. Wir hatten
uns des Abends treffen wollen, aber jetzt schickte ich einen Boten zu ihr und
bat sie, sogleich zu kommen.
    Dann wartete ich und versenkte mich in mein Seelenschenkertum. Aber liebe
ich sie überhaupt? Und wenn - liebe ich sie wie ein Dichter sein Gedicht? ist
Mitleid und Liebe synonym für mich? oder ziehen sich unser beider kranke und
müde Seelen an? Ich überlegte und fand es nicht. Doch eines von diesen sollte es
sein.
    Ah! dieser Rausch wird schon enden wie alle endeten. Aber da einer von uns
ihn ernst nimmt, wird der Komödie Schluss tragisch sein. Denn Alles, was wir
ernst
