 war mit der Zeit
ihr Herz stille worden, bis die Stunden der ersten Liebe sie nur ein holder
Traum deuchten, von dem keine Brücke zur wirklichen Welt führt.
    Wie nun der Frühling wieder einmal Gras und Blumen aus der Matte
herfürgetrieben, ging die Schafherde, der die bejahrte Hirtin folgte, über ihren
gewöhnlichen Weideplatz hinaus und nahte einer andern Herde, bei der ein alter
Hirte war. Nun konnte es nicht ausbleiben, dass die beiden Menschen miteinander
redeten. Es fand ein jeder im andern ein Herz voll Güte und Weisheit; und das so
geschlungene Band der Freundschaft ward hinfüro nicht locker. Von nun an trieben
sie täglich ihre Herden zueinander, und wiewohl sie nicht viel redeten, fühlten
sie sich doch so recht einmütig und gewannen mitsammen immer mehr
Glückseligkeit.
    Zuweilen nahm der Hirt aus seiner Tasche die Flöte und blies ein
friedevolles Lied. Da sagte einmal die Hirtin: Kannst du auch singen?
    Und es gab ihr silberhaariger Freund den Bescheid: In meiner Jugend sang ich
manch Lied. Jedoch ist mir das Singen vergangen. Ein Lied nämlich hat mich für
viele Jahre traurig gemacht.
    Was war denn das für ein Lied? fragte die alte Hirtin.
    Und mit leiser Stimme summte der Greis:
Das Gold zur blanken Krone
Liegt in der Tiefe Schrein,
Und wer den Schatz gehoben,
Soll bald ein König sein.
    Da sah ihn seine Freundin eine Weile mit großen Augen an und nickte. Erst
war ihr Nicken voll Wehmut, dann aber leuchtete ihr Blick verklärt, und sie
sagte: So will auch ich dir ein Lied singen, du mein Guter; worauf sie mit
zitternder Stimme sang:
Im dunklen Seelengrunde
Winkt einer Krone Gold,
Und hast du sie gefunden,
Wird Minne dir zum Sold.
    Nun glitt auch dem greisen Hirten die Decke von den Augen, und in der
Freundin, mit der er etliche Jahre bereits beisammen gewesen, und die er
liebgewonnen wie eine Schwester, erkannte er seine allerliebste Königstochter
wieder.
    Anfangs verfiel er in langes Weinen und meinte trübe: Wo sind die Jahre
unserer Jugend geblieben? Ach, verfehlt dünkt mich meine Lebenszeit. Welch ein
Schatz ist mir entgangen, da wir so frühe voneinander gerissen und erst jetzt,
nun wir verblüht, wieder vereinigt wurden.
    Sei still, mein Liebster, gab die Hirtin zur Antwort. Nun sind wir ja so
weit, wie wir ersehnt; nur dass freilich unser Schicksal anders gestaltet ist,
als unser Jugendsinn erwartet hatte. Wir haben erreicht, was wir erreichen
konnten, nur dass wir nicht den Weg der Lust gegangen sind, sondern Trennung und
Tränen erlitten haben. Doch dieser andere Weg hat einen Vorzug, den mir im
Traume die weise Alte angedeutet hat. Blieben denn nicht unsere Herzen bewahrt
