 anders angeschaut als sonsten von dir. Im Fegefeuer der
Enttäuschung lerntest du nach Unschuld dich sehnen, mit deiner Sehnsucht aber
ist auch die Erfüllung erwachsen. Im Auge blühet dir dein Himmelreich. Sei denn
mit uns allen der Unschuld Friede!«
    Nach dieser Rede griff ich wieder in die Harfe und sang dazu dies Lied:
Es sprach die Ewigkeit:
»Nur still, ihr Kindlein, ruht!
Bewahrt vor allem Streit,
Bleibt Gottes Fleisch und Blut!«
Doch ein Geschrei erwacht:
»Lass uns geboren werden!«
- So wurden Tag und Nacht,
Luft, Wasser, Himmel, Erden.
Das Menschenkindlein sog
Mit Auge, Mund und Ohr.
Die Sondergier betrog,
Dass es sein Herz verlor.
Von Habsucht ausgefüllt,
Denkt es der Herkunft kaum;
Die Heimat liegt verhüllt,
Vergessen wie ein Traum.
Und wenn es rückwärts lauscht,
Grüsst keine Mutter mehr;
Ach, nur ein Garten rauscht,
Ein wogend Wipfelheer.
Mit lichtem Schwerte droht
Ein Wächter vor der Pforte,
Wie Blitz sein Auge loht,
Wie Donner seine Worte:
»Im Heim der Ewigkeit
War einer bei dem andern.
Die unrastvolle Zeit
Lässt euch entfremdet wandern.
O Wüste Einsamkeit,
Wo jeder einzeln irrt!
Die Völker sind entzweit,
Die Sprachen sind verwirrt.
Und weil um Rache schreit
Vergossnes Bruderblut,
Nun denn, ihr Mörder, seid
Einander Höllenglut!« -
So grollt der Rachegeist.
Doch horch, der Garten Eden,
Er säuselt und verheisst:
»Herbei! Ich heile jeden!
Erlösung wird beschert,
Wenn ihr, der Wüste leid,
Euch reuevoll belehrt
Zur treuen Ewigkeit.
Herbei, ihr Zagen! Kommt
An meine Gartenmauer!
Zu eurem Troste frommt
Der ahnungsvolle Schauer.
Wenn meine Wipfel raunen,
Und Nachtigallen singen,
Will euch vor süßem Staunen
Das volle Herz zerspringen.
Und wo sich zwei vereinen
In Lieben und Erbarmen,
Da halten sie mit Weinen
Ihr Eden in den Armen.«
    Dem Nachhall lauschte die kleine Gemeinde. Wie ich die Harfe über die
Schulter nahm, erhuben sich die Frauen von der Steinbank, es gingen meine
Zuhörer. Ich ergriff die Fackel und verließ die Höhle.
    In meiner Klause fand ich auf dem Tisch ein Körblein mit Brot und Eiern.
Dazu ein Schreiben von Sibyllens Hand:
    »Für die Speise, so Ihr bedürftigen Seelen gespendet, danken wir mit Liebe
und möchten Euch gern etwelche Wohltat erweisen. Nehme daher der Herr Johannes
diese geringe Gabe für sein leiblich Wohl und bleibe uns fürder gewogen.«
    Durch das Fenster blickte ich meinen Gästen nach und sah sie bei den
Gräbern. Entblössten Hauptes stund Heinrich neben dem Oheim am Kreuze meines
Bruders Zetteritz. Vor des Kindes Kreuzlein knieten die Frauen; Agnete hielt die
Hände vors Gesicht,
