
den Tee zu reichen begannen.
    Dann waren die graudunklen Augen Verenas lange über die durchschatteten
Parkwiesen hingewandert, wie ziellos, und doch heimlich suchend, und wie wenn es
aus dem warm besonnten Dufte der Aue aufsteigen könnte.
    Ein goldener Tag fing an zu vergehen. Die sinkende Sonne glänzte in Blatt
und Zweigen. Strahlengarben schossen zwischen den Baumwipfeln hindurch. Und
allenthalben in Blattwerk und den hohen Blumenstauden schwebten und zitterten in
der Luft goldene Gespinste.
    Die alte Schlossherrin sah oft mit Zärtlichkeit zu Verena.
    Man plauderte allmählich wirklich. Verena pries den Abendfrieden. Man begann
von fernen, schönen Dingen zu reden. Von den seltsamen Reizen der Tage, darüber
die Jahreszeiten Blüten oder Früchte, goldene Blätter oder weiche Flocken
verstreuen. Von dem Leben einer Seele hinter allen Dingen und Schicksalen. Von
dem Geheimnis der hier auf Erden unerfüllten Schicksalsläufe. Und wohin die
Seelen wohl eingingen, die hier ihren Lauf noch nicht vollendet? Von der Liebe,
die wie das Licht wäre, nie stürbe, nur erlöschte, dass es wer weiß welche
heimliche Macht immer neu erwecken könnte. Verena schien in solchen Meditationen
über sich und die Welt zu leben.
    Die alte Gräfin Schleh hatte fortwährend einen verklärten, ängstlichen
Ausdruck voll Güte, sah Verena oft von der Seite an, wie gehalten und streng sie
dasaß, und war heimlich wie ergeben in den vibrierenden, leisen Stimmton der
Trauernden.
    Verena war dann lange brennend solchen Rätselbetrachtungen hingegeben. Es
ließ sie nicht los. Sie beherrschte sanftredend oder auch eine Weile tiefstumm
den ganzen Kreis. Sie sah in jedes der Gesichter um sie manchmal fragend und
grabend hinein, auch wohl unversehens mit einer unsäglich jungen Zärtlichkeit,
die wie warme Sonne aufleuchtete.
    Keiner der Anwesenden hätte sich auch nur eine Weile von dem Spiel ihrer
stillen Mienen weggewendet. Jeder, auch die jungen Komtessen und die alte
Exzellenz, blickten liebend auf den feinen, roten Mund und in das
blasssommersprossige, schmale Frauengesicht. Und alle erstaunten heimlich über
die Kraft und den Frieden, womit die graudunklen Augen Verenas Harm aussäen
konnten und ein hoffnungsloses Ergraben.
    Die Linie ihres Kinnes und Halses, wenn sie den Dunkelschleier noch mehr
zurückstrich und beim sanften Reden den Kopf ein wenig reckte, nahm eine einzige
Schönheit an. Sie ragte dann in ihren schlichten, aschblonden Scheiteln im Raume
gleichsam wie eine heilige Bildung für sich.
    Als Einhart wieder auf der Terrasse erschien, neigte sich die Sonne tief dem
Horizonte zu. Man hatte sich unter dem Eindruck der Düsternis, die aus Verena
ausgegangen, neu ganz stumm dem Anblick der verquellenden Sonnenfeuer
hingegeben. Man sah die Sonnenscheibe langsam einsinken, starrte der blitzenden,
zückenden Erstrahlung nach und hatte dabei lange geschwiegen.
    Aber Einhart kam ganz achtlos.. Er hatte den Sommerhut in der
