 um dich sind Geängstigte! Rage auf! Du!
Kaiser! Einziger! Du selber!«
    Und Einhart sah dann auf Straßen und Plätzen in jedes Auge hinein und hörte
in jeder Seele nur diese eine Stimme.
    Und er stieg auch auf die Türme von Notre-Dame und war wirklich in tausend
Zweifeln.
    »Die Dome ragen,« dachte er, »aber die Chimären treiben ein wirres Spiel um
ihre Türme. Und aus der Tiefe rufen uns starke Stimmen.«
                                     * * *
    In Paris war es, wo er zum Schluss seines Aufenthaltes in ein stilles, weißes
Haus draußen über der Seine eingetreten war. Es liegt hoch über dem grünen Fluss
an einem grünenden Hange. Ein Rundbau aus Glas. Licht quillt viel herein. Ein
Garten voll Blumen umschließt seine Stille. Dort innen stehen in gläsernen
Schränken oder auf hölzernen Postamenten tausenderlei Gestalten aus Ton und
Stein. Auf Simsen, offen oder verhüllt, ragt dort der Mensch und sein ringendes,
rätselgebundenes Leben als ewiges Gleichnis. Dort sah er Schicksal und letzte
Begierden in Steinen stumme Sprache sprechen. Dort flüstert der Traum im
übervollen Flügelmantel der Schlafenden sein nie erschautes Geheimnis. Und die
versunkene, herrliche Atena wirft sich von der Sehnsucht nach einst erfasst und
mit Tränen aufgescheucht über die Trümmer. Dort ragt der stolze Bürger, von der
Macht des Triumphators gebeugt. Und das lieblichste Frauenbildnis voll
verborgenen Lebens klingt wie ein sanftes Lied zwischen den harten
Schicksalsvisionen, die aus andern Steinen sprechen. Dort schlafen Paolo und
Franceska wie Lurche im Schlamme der Erde den sinngebundenen Schlaf, aus uraltem
Bluttriebe wie mit Polypenarmen nach einander begehrlich tastend in der
Düsternis des Grundes. Dort - inmitten dieser Welt aus Steingestalten, darin im
Stein über das einzelne Leben hinaus sich ewige, letzte Verschwisterungen der
Schicksale offenbarten, also dass Blöcke und Steine rings um ihn Ideen duften wie
Blumen ihre Arome, steht ein einzelner Mensch. Keine zerschossenen Fahnen, keine
Blutzeichen um sich. Seine - einsame - Schau, seine - großen - Deutungen, dem
Erdenklose eingehaucht zum schauenden Erfüllen der Stunde, zum Erhören, zum
Erkennen, zum Mitleben aus der Tiefe ins klare Licht, zur Erhöhung des
Lebendigen um und um. Ein Einzelner. Kein Triumphator. Kein Bezwinger der
Leiber. Ein Sinnenmächtiger. Auguste Rodin. Ein Sinngebärer. Ein
Seelenbezwinger.
    Auch den Dom hat erst einmal im Traum ein solches Menschenauge geboren.
                                     * * *
    Einhart hatte viel gesehen. Er reiste auch durch Italien. Er sah Rom und
Florenz. Er sah vielerlei Einzigkeiten. Er sah Naturen in heißer Sonne, achtete
auf die fremden Blumen und genoss die Schatten fremder Bäume. Er sah auch die
Schneegebirge ragen. Und Menschen in allerlei Kostümen kreuzten seine Wege. Da
war es, dass er
