 grauen Steinfliesen des Mittelschiffs.
    Einhart war lange dem einsamen Dämmerklang seines Schrittes unter den
Wölbungen hingegeben. Die graue Schattenweite der kalten Raumtiefen umspann ihn,
wie wenn die Stille darin eine Schönheit wäre für alle Sinne. Die marmornen
Altargestalten schienen ihm lebendige Leiber, ragend, um zu antworten, was seine
Seele zu fragen begann.
    Ein Dom! Ein grauer Steinleib mit Zacken und Dach, Zinken und Türmen. In
dessen Höhle sich Menschen drängen mit Gebeten, mit Gesängen, mit Wehklagen, mit
Hymnen zum Lobe. Und den jetzt die ewige Ruhe ausfüllte wie mit dem Schlafe
aller erhabenen Herrlichkeiten.
    Hoch oben begannen sich die bunten Lunetten der Fenster am Hochaltar zu
belichten mit blauen und goldenen Scheinen. Die Säulen sprangen aus dem Dämmer
lebendiger fühlbar in die Runde. Die Stimmen vereinsamter Beter gaben ein fernes
Raunen, ohne dass Einhart seinen Blick aus der Höhe zurücknahm.
    Ein Dom! Und wahrhaftig in Stein getürmt von Menschenhand! Und wahrhaftig
erst einmal im Traum gesehen von Menschenaugen! Das da steht, wölbt sich wie
Berge, und gibt ewige, stumme Kunde.
    Und es kam Einhart so vor, als ob er aus den Wölbungen und Säulen und
ragenden Gestalten in Stein, und hinaus in Dach und Zinnen und Türme einen Ruf,
eine Anbetung, eine gewaltige Sturmwelle aus Menschenstimmen, eine unerhörte
Macht der Seele lautlos vernähme. Hier schien ihm ein Leib gebaut, dessen Seele
mehr deuchte, als seine Seele, dessen Stimme bandenloser aufklang, als seine
Stimme. Dessen Gewalt ewig stumm und manchmal mit ehernem Munde rufend, sich
belebte, in Stürme und Wolken zu hallen, und sich in das große Rufen der Gebirge
und der Wüsten einzumischen.
    Graue, kanadische Schifferknechte traten durch eine Seitentür unter dem
holzgetäfelten Chore, darüber die Silberflöten der gewaltigen Orgel, von Engeln
umflogen, schwiegen, und trappten langsam und verschüchtert in die tiefe
Stummheit. Das Angesicht dem lichtdurchstrahlten Dunkelraume des Hochaltars
kindlich staunend entgegen gewandt, warfen sie sich auf die grauen Steine
nieder, bald auch die Häupter tief dem Boden zugeneigt.
    Kanadische Schifferknechte, die im Hafen gelandet waren, harte, raue
Männer. Und doch scheu wie das Wild, auch vor dem Erhabenen nur heimlich
geängstigt, weil immer und immer bedroht nicht von bestimmten Dingen. Sie
beteten in sich eingesunken auf Knieen die kleinen Gebete um ihr enges Leben.
Umhergeworfen in harter Frohn, wie Wellen im Meere, hörten sie nie das große
Rauschen über den Wassern, darein ihr graues Leben verschäumte. Sie baten:
    »Hilf uns! Rette uns! Bewahre uns! Bewahre uns ewig für uns! Lass uns nicht
aufgehen!«
    Der Glanz vom Hochaltar her fiel eine Weile auch auf sie. Es waren raue
Seelen, die oft fluchten im Sturmstreit. Sie
