 Romanerzählung auf
die früheren Kapitel; seine Träume bildeten Kette. So dass er ein förmliches
Doppelleben führte: nachts, herzlich mit ihr vereint, von ihrem Lächeln
beleuchtet, von ihrem Liebesblick besonnt, mit ihr plaudernd und kosend, ein
Leben voll süßer, goldener Seligkeit; tags ein hoffnungsloses Schmerzensdasein
in der Trübsal uferloser Verdammnis. Oh, wozu erwachen! Dass doch niemals die
Enttäuschung einsetzte! dass der wonnige Traumwahn auch den Tag tröstete!
    »Wenns nur das ist«, meinte die Phantasie, »dem ist bald abgeholfen.« Und
eins, zwei, ohne seine Einwilligung abzuwarten, hatte sie den Guckkasten
aufgerichtet und die Vorstellung begonnen: Unmöglichkeiten, auf Lügenfüssen
stehend, immerhin denkbare Unmöglichkeiten, wofern man von den Lügenfüssen absah.
    Eine demütige Greisin hielt auf seiner Schwelle; dahin die Schönheit,
zerstoben die Freunde und Anbeter, das erloschene Auge um ein Liebesalmosen
bettelnd. »Auch du, natürlich«, klagte ihr Blick, »nun ich alt und hässlich bin,
kennst mich nicht mehr.«
    Er aber rief. »Teuda, meine Braut, umsonst, dass du dich bemühst, die ewige
Jugend deiner Schönheit unter der entliehenen Maske des Alters zu verhehlen;
denn sie verrät der Glanz der Parusie, der dich umstrahlt. Doch warum stehst du
demütigen Blickes auf der Schwelle? Sieh, ich beuge vor deiner Hoheit
ehrfürchtig die Knie.«
    Ihm antwortete Teuda: »O Wunder der Gnade! Heute, da ich alt und hässlich
bin, wird mir aus einem einzigen Herzen der Liebe mehr, als mir von allen
Menschen zusammen in meinem ganzen Leben geworden.«
    »Gelt?« lachte die Phantasie, »das gefällt dir?« Und fuhr fort zu spielen.
    Im Krankenbett sah er sie liegen, von Beulen entstellt, von den Nächsten
verlassen, ein Ekel den Menschen. Er aber nahte ihr andächtig wie einem Altar.
    »Das ist hingegen kein schönes Bild«, tadelte er die Phantasie.
    »Soll auch keines sein, denn das ist ja eben das Schöne daran, dass deine
Liebe sogar den Ekel übermag. Doch wart, ich habe noch etwas.« Und fuhr fort zu
spielen.
    Eine Lasterhafte schaute er, von der Welt verurteilt, verstoßen, verspien;
dem Trunk ergeben, im Rausch auf dem Boden sich wälzend.
    »Pfui!« schalt Viktor entrüstet, »pack auf! was für eine sträfliche,
hirntolle Vorstellung! Sie, die Züchtige, die Reine, die Hohe!«
    »Aber wenn?« zischelte die Phantasie, »wenn? Sag ehrlich, was würdest du in
diesem Falle tun? Würdest du, würdest du sie mit dem Fuß fortstossen? würdest du
das? Du schweigst? Schon gut, ich weiß
