 hinter uns. Einen ganzen Tag schon fahren wir
durch die weite Ebene. Wir haben zum Fenster hinaus geschaut, haben hier und da
ein paar Seiten eines Buches gelesen und die anderen Reisenden beobachtet. Nun
wird es Abend, die Schatten werden länger, und im fernen purpurnen Westen neigt
sich die Sonne anderen Welten zu. Mir ist, als ob graue Wesen aus der Erde
aufsteigen, die mich stumm anblicken und in deren toten Augen ich die Frage
lese: »Was hast Du aus uns gemacht?« Es sind Pläne und Hoffnungen, Träume,
Wünsche und Ideale - lauter Dinge, mit denen wir vor langen Zeiten, am frühen
Morgen des Lebens, die Fahrt begannen, die wir damals hüteten, als das
kostbarste, was wir mit uns nahmen, als unseren höchsten Besitz. Es war, als
gehörten uns seltene, goldige Samenkörner, aus denen ein märchenhafter Garten
erstehen sollte, voll schöner, noch nie dagewesener Blumen. Aber statt einen
Garten anlegen zu können, haben wir im Laufe der Reise die Samenkörner alle
allmählich am Wege verloren, die einen früh, die anderen spät. Manche sind
verschwunden, ohne dass wir es selbst recht merkten, wie Träume, die beim
Erwachen verweht sind, niemand weiß wohin, die Erinnerung an sie sogar ist tot.
Um andere haben wir gekämpft und wollten sie durchaus festhalten, sie sollten ja
zum stolzesten oder liebsten Schmuck des künftigen Gartens werden - und wir
haben sie doch hingeben müssen, haben auch sie verloren, in bitterem, alle
Freude vernichtendem Schmerz.
    In den Mühen und Sorgen des täglichen Lebens, die uns wie Opium vom
Schicksal gegeben werden, um die größeren Leiden zu vergessen, denken wir kaum
all des vielen Verlorenen. Aber an den Abenden langer Reisetage, wenn das Buch
der Hand entgleitet und wir müde aus dem Fenster hinausstarren, wenn der Zug
durch weite Ebenen braust und sein Schatten, riesengross verlängert, über der
wehenden Grasfläche neben uns dahineilt, wenn überall um uns die festen Formen
sich auflösen und verschwimmen in dämmerigem Grau - dann greifen uns unsichtbare
Hände kalt ans Herz, unendliche Wehmut, vergebliches Sehnen, bitteres Erinnern
erfüllen uns ganz. Das ist die Stunde, wo Verlorenes, Totes aufersteht, wo wir
plötzlich gewahr werden, wie arm wir geworden.
    Der geträumte Märchengarten liegt plötzlich wieder vor uns, so schön, so
beglückend, wie wir ihn einst geplant, in jener Zeit, da wir das felsenfeste
Bewusstsein hatten, zu ganz Besonderem berufen zu sein; aber statt der damaligen
Zuversicht, statt des Glaubens an uns und unsere Bestimmung, erfüllt uns heute
nur bitteres Weh; wir wissen ja, dass wir all die goldigen Blumensaaten verloren
haben, die einen erstarrten in Eis und Schnee, die anderen
