, da ich am Ende stehe, sehe ich Alles doppelt scharf und
doppelt deutlich! - wie habe ich von der ersten Stunde an, da ich die Flügel
meines Geistes zu lüften versuchte, mich einengen und umdrängen lassen müssen
von dem gemeinen, landläufigen, kalten, nüchternen Regelwerke der Welt! Nun da
ich frei wurde, schiebt die Vergangenheit ihre langen, tastenden Finger nach in
die Gegenwart - in die Zukunft, die ich mir darum vorenthalten will. Ja! Ich
sterbe an der Fülle der Sünden, zu denen mich die Vergangenheit gezwungen hat. -
Und diese Sünden verdunkeln und verqualmen mir die Gegenwart, und ihr schwarzes
Nachtgewölk zieht mir nach in die Bezirke meiner Zukunft - zöge mir nach - ich
verspüre es an der Schwere meines Atems! - wollte ich mich eben sclavisch an
eine neue Zukunft verkaufen. Aber ich habe es satt, gründlich satt, dieses
Sichhinschleppen an dürren, nackten, morschen Spalieren. Ich habe es satt, immer
weiter den Hymnus mitzugröhlen, der das Fragment der bedingten Zeitlichkeit
apoteosirt! Den großen, allmächtigen Ring schließen! Schliessen! Soll meine
Seele weiter Nichts sein, denn ein Heerd, darauf die Flammen der durchschauten
Unzulänglichkeit tanzen? Soll das der höchste Triumph des bohrenden
Menschengeistes sein, dass er in letzter Instanz seine Unzurechnungsfähigkeit,
seine Unzusammenfassungsfähigkeit constatirt? Soll ich immer und immer wieder
auf dem dürren, ausgedienten Droschkengaule einer nüchternen, verrosteten Logik
an das Rätselwesen der letzten Dinge heranstolpern? Aber erkenne ich denn mehr,
wenn mich das schneeweiße Araberross der Intuition an die Schranken heranträgt?
Ist Intuition mehr, als der gleichsam entymematische Karrièreritt einer
überwundenen und darum zwanglos-reflectorisch sich betätigenden, also in
gewissem Sinne einer wiedergeborenen Logik -? Oh! Müde bin ich der steten
Selbstverblendung und Selbstentfremdung! Ein Tropfen reiner Aetererkenntniss -
und ein Ozean gemeiner, bedingter und bedingender Werkeltagsträumereien! Ich
erkenne, dass dieses Verhältnis ein unwürdiges ist. Und nicht duftet dieser
Wahrheitstropfen fein und süß, wie köstliches Rosenöl und befeuchtet die Zunge
meines Geistes wie Honigbalsam -: bitter vielmehr mundet er wie Chinin: denn
selbst zu den Gipfeln hinauf tönt das verworrene Geräusch des Marktgetriebes in
den Tälern ... Ich bin ein Wesen, das im Werden tiefste, bitterste Qual - das
nur im Sein Stille und Andacht und Sabbatsgenugtuung findet. Denkend betasten
darf ich wohl die Bundeslade des Seins. Aber nimmer soll ich sie schauen mit den
Augen meiner befriedigten, in sich wahrheitsgesättigten Seele ... Ich habe nicht
Lust, länger den irdischen Processhansl abzugeben. Das Spiel der Kräfte ist wohl
ein fürtreffliches Ding - aber manch' Einer findet es abgeschmackt, langweilig,
dieweil es nur seine Arme und seine Beine wünscht, die Himmelsflügel aber seines
Geistes zusammenschrumpfen und sich tatlos entfedern lässt.
