 mit Skorpionen
züchtigen.
    Ich fühle es, lange geht's nicht mehr so fort mit mir, es geht zu Ende.
    Aber aus meinen Gebeinen wird erstehen ein Rächer.
 
                                       V.
Seevögel umkreischten schrill ihre Nester, der Schaum klatschte an den
stiebenden Sand, eine schwarze Ente schwang sich auf der glasigen Woge. Mit
seiner Braut, der Erde, schien der Ozean zu schäkern. Er schmückte sie mit
Muscheln. Bald ebbte er zurück, um ihren Reiz überschauend zu mustern, bald
rollte er wieder zum Kusse heran.
    Krastinik lag am Strande, das Buch war ihm entglitten. Und statt seiner las
er vom weißen Blatt des Dünensandes, der unter dem glühenden Sonnenstrahl zu
knistern schien, die Gedanken-Arabesken ab, welche wie Schatten seines Geistes
darüberhin huschten.
    Er schloss die Augen. Die Nacht der innern Stille umfing sein waches Hirn,
jene Nacht, aus der allein sich Sterne empordrängen.
    Lang und sorgsam dachte er über das Gelesene nach, um sich über die Zweifel
Rechenschaft zu geben, die ihn bedrängten.
    Wie ein Dom erhabener Stille, wölbten sich Meer und Äther ineinander. Wie
das stille Murmeln altersgrauer Vergangenheit, wie das Zirpen von Heimchen in
zerfallener Ruine, plätscherten sanft die Wogen. Aus dem Becher des Meergottes
sprühte ihm ein gastlicher Willkommengruss schaumtropfend entgegen.
    Dem nach innen Schauenden war es, als ob der Geist seines toten Idols,
dessen treuer »Heroen-Anbeter« er gewesen, lautlos über den Wassern schwebe und
wandele über Meer und Land. Und eine Stimme, wie das Geräusch vom Flügelschlag
eines Engels oder das Säuseln in Karmels Klüften, wie das Murmeln der Muschel,
die sich nach der Mutterwoge zurücksehnt, - eine geheimnisvolle Stimme sang den
versöhnenden Psalm:
Wundersame Morgenfrühe,
Dehnst die Seele mir so weit.
All der Erde starre Mühe
Löst die holde Einsamkeit.
Sie umhüllt der Erde Schmerzen
Wie ein lichtes Schleiertuch.
Liebe wandelt still im Herzen
Und Vergebung sei mein Fluch.
Was vermag der Menschen Grollen,
Allgerechter, gegen Dich!
Deinem Licht, dem liebevollen,
Sonnengott, vertraue ich.
Meine Sünden, meine Fehle
Richten kannst Du nur allein.
Denn Du schaust in meine Seele,
In das Herz der Welt hinein.
    Wohl, diese Stimme sang das Hohelied einer wahren Versöhnung, einer Erhebung
des Menschen aus irdischer Wirrsal, aus tiefer Ich-Not aufschreiend zur
All-Liebe. Aber diese Stimme - tönte sie wirklich aus dem Geist des
Verblichenen, oder tönte sie vielleicht aus des Nachtrauernden eigener Brust?
Zum ersten Mal begann dieses begeisterungsfähige Gemüt kritisch an sein Idol
heranzutreten und sich objektiv darüber zu stellen. Warum schwang sich denn
Leonhart zu solcher Versöhnung niemals auf?!
    Wenn heut einem großen Dichter nun einmal keine andere Wahl gelassen
scheint,
