 des Berggrats stelle ein Kind! Schau, wie's gleich näher und näher
kriecht dem drohenden Rand und Kiesel zuerst aufliest vom steinigen Boden. Die
schleudert es dann in die Höhlung hinab, um am Schall zu ermessen des Abgrunds
Grund, horcht ahnungsvoll, wie spät und dumpf es dröhnt aus der endlosen Tiefe.
Der Mutter Vorsicht gängelndes Band zerreißt es, schleicht zum Rande sich vor,
umklammert noch den Fels der Vernunft. Der scheint ein sicherer Halt ihm.
    Doch wie es starrt in das graue Nichts, da schwindeln ihm schaudernd Herz
und Hirn, da gleitet die Hand, da wankt das Knie, gelähmt von grässlichem
Grausen. Im Instinkt der Verzweiflung stürzt es hinab. So umgarnt an der Zweifel
gähnendem Schlund den Nichtseinsinnenden grübelnden Geist entschlossene
Verneinung des Willens. Bis willig halb, halb magisch gedrängt, halb sinkend,
halb gestoßen, er rollt durch Wahnsinn-Nebel in Todesnacht: Todesfurcht
versteckt sich im Selbstmord.
    Dieselbe Nacht, die den irdischen Zeus, den Alexander, dem Licht geschenkt,
sah frech verbrennen den Herostrat der Ephesischen Artemis Tempel. Denn in der
Moira dunklem Schoss, und in des Kronos waltender Hand und in des Kroniden Waage
des Rechts da liegen vereint die Loose. Das weiße Loos und das schwarze Loos,
das Sein und Nichtsein, Leben und Tod, und der Trieb zum Leben, die
Schaffenslust, sich paart dem Lebensekel. Die Selbstvergötterung, welche gebiert
der Dämon in der Erkorenen Brust, ist nahe der Selbstverachtung gesellt in der
Verlorenen Seele. Dieselbe Hore, welche gebiert den schaffensmächtigen zeugenden
Geist, den Welterbauer, als Zwilling nährt den zerstörungsfrohen Vernichter.
Augustus, Trajan, Vespasian, aufs Neue erbauten nach Götterbeschluss, was
niedergerissen nach Götterbeschluss im Reich die Juliersprossen. Welch winzige
Spanne Zeit doch trennt vom Nero den Titus! Ja, noch mehr: in Titus' Seele
selber lag der Drachen neben dem Lamme. Ein kurzer Augenblick entschied sein
wahres Wesen und schied nun ab seiner Jugend Neronisches Element von der »Wonne
des Menschengeschlechtes«. So liegt das Verderben dem Heil gepaart und das Leben
dem Tode im Menschengeist, und Jeder erfüllt am Ende nur seine vorgebahnte
Bestimmung.
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    Je mehr Leonhart diesem Gedankengange folgte, desto deutlicher empfand er,
bei Titus angelangt, den Begriff des Cäsarenwahnsinns, diesen
Gottähnlichkeitsdünkel des Grössenwahns. Wie vom Medium einer Vision inspirirt
und selbst Medium geworden, fühlte er das Wesen Heliogabals in das seine
hinüberrinnen. Ihm war, als spräche aus ihm selber die Seele des
Götterwonnetrunkenen, zum Flammentode bereit.
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