
Der Sinnlichkeit, im Pestpfuhl der Verderbteit ganz
In Schlamm getreten alle Tugend, Würde, Sittsamkeit.
Ha, welch homerisches Gelächter schallte hell
Aus dem Gehege meiner Perlenzähne dann,
Wenn der Entehrten Fluch zu mir heraufgetönt.
»So geh es Jedem!« rief ich triumphierend aus
Und drückte wild aus Herz den Allerschändlichsten
»Wer albern sich der Sinnenlust entziehen will
Und meines Wandels spottet durch Anständigkeit!«
Ha, Beifall wieherte mir der verruchte Schwarm,
Noch siedet froh mein Blut bei der Erinnerung -
O wie behaglich war's im Pandämonium!
- Abscheulich führte sich nur eine Dirne auf,
Vestalin war sie: Diese gab sich selbst den Tod
Vor meinen Augen - hu, wie sie so bleiern lag,
So steif und still! Und langsam rann der Lebenssaft.
Ja, er verrinnt und dann ist Alles, Alles aus.
Getrost. Noch kocht mein Blut in voller Sinnenkraft
Und schleicht nicht siech durch altersschwache Adern hin.
Auch jene Arria empörte mich mit Fug,
Die standhaft frech im Tod beschämte meine Wut.
Doch welche Lust hinwieder bot der Augenblick,
Wenn in der Leidenschaft Umarmung festverstrickt,
Wie eine Schlange ihn umgürtend, heimlich ich
Auf einen Buhlen, dess ich überdrüssig ward,
Den Dolch gezückt und ihm durchbohrt das trunk'ne Herz,
Der ahnungslos an meinen Lippen festgesogen hing.
Ja, Grausamkeit und Wollust, süße Zwillinge!
Erzarmiger Büttel mit dem stumpfen stieren Blick
Erbarmungsloser Roheit - welch bezaubernd Bild!
Braunfette Dirne mit der schweissig feuchten Hand
Und lüstern blinzelnd wie ein Geier - mein Idol!
Ein Brief? - Von wem? Von meiner Mutter Lepida?
Sie rät, anständigen Tod zu wählen? - Rast die Frau?
Warum? - Anständiger Tod? Meint sie freiwilligen?
Ich willig aus dem Leben scheiden? Nimmermehr! -
                                      VI.
In ungewissem Jugendbrüten, als mein Geist
Noch nicht zur nackten Klarheit der Erkenntnis kam,
Dass Alles Rauch und Unsinn, außer Sinnlichkeit,
Dass Scham und Scheu nur Dummheit, Frechheit Größe ist -
Da blättert' ich in faden Philosophen oft,
Nach einem Etwas suchend, das ich würfe froh
Der Langeweile in den nimmersatten Schlund.
Die faselten nun ewig von Unsterblichkeit,
Von Seelenleben. Seele? Was ist Seele denn?
Ausfluss des Blutes und Gehirns, so ahne ich,
Abhängig völlig von des Leibes Regungen,
Betätigung des Körperlebens in Gedank' und Wort
Durch ihn geboren, sterbend mit dem Leibe auch.
O süßer Leib, du der Genüsse Zeugerin!
Dich schmähen sie und nennen ein Gefängnis Dich,
Das nur die Seele hemme in dem freien Schwung.
Was soll das heißen? Dunkel ist mir dieser Spruch.
Hab' je von freiem Schwung ich einen Hauch verspürt?
Nichts da! Auf sogenannte Seele habe ich
