 Schemen
Nirvana steigt aus ihm empor, um uns mit Spinnenarmen ins Nichts hinabzureissen.
    Von Hügel zu Hügel schweifen meine Blicke über die unendliche Fläche hin und
eine Stimme dringt vernehmlich an mein Ohr: Nirgends hier erwartet Dich das
Glück. Was hilfe es mir, den Lauf der Sonne zu begleiten - ich begehre nichts,
was sie bescheint. Wie eine sturmverschlagene irrende Seele, schleiche ich durch
die Welt.
    Der Wagen der Nacht durchrollt die Aeterwogen. Die Zweige rispeln. Es ist,
als höre man die Schatten der Toten dahinschweben. Ein Mondstrahl berührt sanft
meine Stirn, als wolle er Licht streuen in meine dunkele Seele und ihr das
Geheimnis der Sphären enthüllen, als wolle er die Morgenröte eines
Jenseitstages prophezeien.
    Der Wälder niederhängende Wipfel bedecken mich mit Frieden und Schweigen.
Die Bäche, unter Laubbrücken verborgen, schlängeln sich durch die Täler und
spiegeln sie ab. Sie mischen ihre murmelnde Flut und verlieren sich dann
spurlos. So ist die Quelle meiner Jugend zerronnen, ohne Rückkehr. Doch jene
Flut ist klar und meine Seele so trüb. Wie ein Kind vom Ammenliede gewiegt,
schlummere ich ein zum Gemurmel des Wasserfalls.
    Die Berge stehen sich gegenüber wie feindliche Brüder, die dort in ihrem Hass
versteinert. Schon tausend Jahre stehen sie so mit gefurchtem runzligem Antlitz,
schneeweiß bleichte ihr Haar. Doch Abends, wenn die Sonne sie überglüht, dann
brechen die Wunden auf, dann überrieselt Blut ihre Stirn.
    Ein unbesieglicher unwiderstehlicher Drang nach Selbstvernichtung jauchzte
in dem totmüden Menschenwurm empor. Ihm war das All götterlos, ohne Ordner und
Lenker. Kein Steuer leitete ihn durch den Ozean des Unendlichen und der feste
Strand der Erde widerte ihn an. Aber sein Gedanke kreuzte furchtlos durch den
unendlichen Raum, von der Ahnung des Unvergänglichen getragen. Eine sterbeselige
Todessehnsucht dehnte und weitete seine kranke Brust. Wenn die trivialen Freuden
des Lebens als wertlos versinken, wenn selbst die äußere Schönheit der Natur
nicht mehr befriedigt, wenn der kindliche »liebe Gott«, die formelle Religion,
in Staub zerfiel und der wahre Gott noch nicht an seine Stelle trat - dann
erfasst das Gemüt eine brünstige Leidenschaft für die reinen wandellosen
Elemente, denen der Mensch mit seinem geistigen Hochmut und seiner physischen
Niedrigkeit als Zerrbild gegenübersteht. Eine schmerzliche süße Begierde
verlangt sich aufzulösen, aufzugehen im Grenzenlosen.
    Ja, er musste sterben. Das war das Beste, das Beste. Wozu die paar Jahre noch
hinschleppen eines elenden kümmerlichen Daseins, den verglimmenden Docht noch
schüren? Aus, kleines Licht!
    Ja, das war das Beste für ihn und für sie. Sie fürchte ihn, hatte sie
gesagt. Und was sollte auch daraus werden? Sollte er daheim die Folter weiter
dulden, die Folter sie als Gattin dieses reichen Laffen zu sehen,
