 der Phantasie ...«
    Mit diesem schwermütigen Wort legte Doktor Trostberg den Brief aus der Hand.
    Den leise hereintretenden Klown mit einem langen, kalten Blick fixierend,
schrie er ihn in plötzlicher Wallung an: »Versiegle Deinen Kopf mit einem großen
Siegel und umpanzere Dich mit siebenfachem Erz, Hanswurst!«
    Und dann: »Geh und stelle mir einen Bürgen für die Vollsinnigkeit unserer
Irrenärzte! Einen Bürgen, hörst Du? Ich trau' ihnen nicht. Woher nehmen sie das
Vertrauen in ihre eigene Gesundheit? In ihre eigene närrische Unfehlbarkeit?
...«
    Eine tiefe, düstere Traurigkeit hatte sich des Doktors bemächtigt.
 
                                       5.
Vom Petersturme, dem altersgrauen Senior der zwanzig oder fünfundzwanzig Türme
Münchens und seiner Vororte, schlägt die siebente Stunde; sonor, wuchtig, wie
mit des schönsten Bierbasses tönender Allgewalt schmetterts durch die heiße,
dumpfe Abendluft der bayerischen Kunst- und Biermetropole. Der erste strahlende
blitzblaue Frühlingstag geht zur Ruhe und schenkt den Werkleuten in
Schreibstuben und Ateliers, in Fabriken und Handwerksbuden den ersehnten
Feierabend - den Feierabend vor dem Himmelfahrtsfeste Christi.
    Sieben! Und nun brummt's und tönt's in die Runde mit eherner Stimme von Turm
zu Turm Erlösung von Staub und Hitze und Schweiß ... Erlösung beim frischen
Anstich, beim schäumenden Masskrug in der gemütlichen Kneipe, im traulichen
Kellerschatten.
    Ja, das war ein Tag, den man loben konnte nach einem traurigen Mai voll
Regen und Frost, voll Blütentod und Blättersterben, voll Kot und Unlust - einem
wahren Schimpf- und Schandmonat, wie man ihn selbst in München und auf der
ganzen bayuwarischen Hochebene seit Menschengedenken nicht mehr erlebte. Und
morgen ist Himmelfahrt! Wenn nur das schöne Wetter nicht wieder trübe Miene
zeigt! Und in zehn Tagen ist Pfingsten, das liebliche, lockende Fest mit seinen
Ausflügen an die anmutigen Gelände des Starnberger Sees, an den lächelnden
Kochel- oder den melancholischen Walchensee, hinein in die blauen Berge mit
ihren Tälern und Schluchten und himmelanstarrenden Felsen, zu Wiese und Wald,
zu Jägern und Adlern und Gemsen, zu allen Wundern der unaussprechlich reichen
und schönen Hochlandswelt! Da steht man, der verlogenen, unheimlich
widerspruchsvollen Kulturmaskerade entrückt, endlich wieder auf du und du mit
dem ewigen Naturgeist, da badet man sich die bedrückte und bestaubte Seele rein
und frisch im unverdorbenen Äther, der die Zinnen der Alpen umflutet wie an
ihrem Schöpfungstag.
    Pfingsten! Morgen ist erst Himmelfahrt, wie vieles kann sich bis dahin noch
ändern! Man ist so geängstigt in dieser trüben, unheilbrütenden Zeit, hinter
jeder Hoffnung droht ein Fragezeichen - und die Krankheit des Königs und die
nicht länger zu verschleiernde Notwendigkeit eines Wechsels im obersten
Landesregiment wirft einen verdüsternden Schatten auf jede Freude. In ganz
München verhehlt sich's
