 Blöße
verhüllen muss, wo der andere bei aller Ruh und Freundlichkeit, die er zeigt,
doch misstrauisch jede Bewegung belauert, ob sie nicht für Feindesanfall gelte,
wie in diesem kleinen schlechten Kriege die Kräfte so heillos zu Grunde gehen;
nein! es ist eine unerhörte Ungereimteit! sie bieten allem auf, um
zusammenzusein, und dann, wann sie zusammen sind, strengen sie mit aller
erdenklichen Mühe sich an, um einsam zu sein im eigentlichen Sinne, sie öffnen
die Türe und verschließen ihr Herz - dem Himmel sei Dank, dass ich los bin!
    Das betrübt mich eben, dass es rätlicher scheint, für sich zu leben, fuhr
Diotima fort; ich trage ein Bild der Geselligkeit in der Seele; guter Gott! wie
viel schöner ists nach diesem Bilde, zusammen zu sein, als einsam! Wenn man nur
solcher Dinge sich freute, denk ich oft, nur solcher, die jedem Menschenherzen
lieb und teuer sind, wenn das Heilige, das in allen ist, sich mitteilte durch
Rede und Bild und Gesang, wenn in Einer Wahrheit sich alle Gemüter vereinigten,
in Einer Schönheit sich alle wiedererkennten, ach! wenn man so Hand in Hand
hinaneilte in die Arme des Unendlichen -
    O Diotima, rief ich, wenn ich wüsste, wo sie wäre, diese göttliche Gemeinde,
noch heute wollt ich den Wanderstab ergreifen, mit Adlerseile wollt ich mich
flüchten in die Heimat unsers Herzens!
    Oft leb ich unter ihr im Geiste, fuhr Diotima fort, und mir ist, als wär ich
ferne in einer andern Welt, und ich entbehre der gegenwärtigen so leicht; - wir
singen andre Lieder, wir feiern neue Feste, die Feste der Heiligen in allen
Zeiten und Orten, der Heroen des Morgen- und Abendlands; da wählt jedes einen
aus, der seinem Herzen, seinem Leben am nächsten ist, und nennt ihn, und der
herrliche Tote tritt mitten unter uns in der Glorie seiner Taten, auch wer,
geschäftig am stillen Herde, mit reinem Sinne das seine tat, wird nie von uns
vergessen, und Kronen blühn für jede Tugend; und wenn auf unsern Wiesen die
goldne Blume glänzt, in seiner bläulichen Blüte das Ährenfeld uns umrauscht, und
am heißen Berge die Traube schwillt, dann freun wir uns der lieben Erde, dass sie
noch immer ihr friedlich schönes Leben lebt, und die sie bauen, singen von ihr,
wie von einer freundlichen Gespielin; auch sie lieben wir alle, die
Ewigjugendliche, die Mutter des Frühlings, willkommen, herrliche Schwester!
rufen wir aus der Fülle unsers Herzens, wenn sie herauf kommt zu unsern Freuden,
die Geliebte, die Sonne des Himmels; doch ists nicht möglich, ihrer allein zu
denken! Der Äther
