 ja beten, und die
quasi Probepredigt eines Pfarramtskandidaten lockt auch in Drangsalszeiten an,
zumal wenn der Prediger der Sohn des Gemeindehirten ist. Lydia saß im
Herrenstuhl, und sogar des Professor Zacharias wahlverwandte Stieftochter hatte
ihrem Kameraden zu Ehren die Scheu vor Kirchenluft überwunden. Als während des
Morgenliedes »Auf, ermuntere dich, mein Geist« der Kandidat mitten aus den
Frauenreihen heraus der kleinen Sidi hohen, hellen Diskant unterschied, hätte
der kräftige Zuruf seinen Geist wohl ermuntern können, falls er bänglich
bedrückt gewesen wäre.
    Aber Dezimus war zu tief bewegt, um bänglich bedrückt zu sein. Hatten Musse
wie Stimmung zur Vorbereitung ihm auch gefehlt, nach einer Woche wie seiner
letzterlebten und über einen Episteltext wie den des dreizehnten Kapitels des
Römerbriefes, da lässt sich frei aus dem Herzen heraus am allererwecklichsten
reden. War seine ganze Seele doch voll von dem einen: »Die Liebe ist des
Gesetzes Erfüllung« und von dem anderen: »Die Stunde ist da, aufzustehen vom
Schlaf.« Ja, hätte er auch nichts über die Lippen gebracht als das Gebet für
seine Mutter, die einzige der Obergemeinde, die in dieser Woche heimgegangen
war, dies Gebet würde mehr Tränen haben fließen lassen als der kunstfertigste
Redebau.
    Beide denn auch mit Tränen in den Augen stießen Lydia und Sidonie unter der
Kirchpforte aufeinander, zum ersten Male seit ihrem harschen Bruch. Sie reichten
sich schweigend die Hände und lebten fortan nebeneinander, wenn auch nicht wie
Schwestern, aber doch als so gute Basen, wie es einer Tochter Joachim von
Hartensteins und einer Zöglingin der alten Harfenkönigin gegeben sein konnte.
Das strittige Erbobjekt war durch Sidoniens dauernde Übersiedlung in ihres
Großvaters Haus erledigt, und auch Lydia hatte in ihrer nächsten Umgebung eine
Aufgabe gefunden, die sie an auswärtigen Samariterdienst vorderhand nicht denken
ließ.
    Die Sonne stand am Himmel so hoch und so leuchtend, wie sie am ersten Advent
zu steigen und zu leuchten vermag, als man sich im Pfarrhause zu der Tat
bereitete, vor welcher das Herz des rüstigen Unternehmers stärker als in seiner
bisherigen Praxis, ja als in seinem ganzen bisherigen Leben pochte. Der Wagehals
spielte mit seinem »direkten Erneuerungsprozess« hinsichtlich seines ärztlichen
Renommees schlechtin va banque, für seine Heimat mindestens. Das Verfahren war
unerlebt und unerhört, in siebenfache mystische Dunstschleier gehüllt. Blut ist
eben ein ganz besonderer Saft; es darf, nein, es muss vergossen werden im Kriege,
von der Justiz, auch durch die Chirurgie. Die Zahl der Werbenschen
Gemeindeglieder, zumal weiblichen Geschlechts, war nicht gering, die ohne
gelegentliche Abzapfung mittelst Schröpfköpfen oder Lanzette ihr Leben bedroht
erachtet haben würde; aber den abgezapften Stoff, anstatt ihn in die Gosse zu
schütten, einem Nebenmenschen in den Leib zu filtrieren, das schien ein Frevel
wider
