 lernte. Er schilderte ihr, wie
das ganze Leben der Menschen im letzten Grunde nichts sei, als ein
uuaufhörliches Einnehmen, Umschaffen und Ausgeben der Stoffe, Bilder und
Eindrücke, welche die umgebende Welt darbietet; und wie die ganze geistige
Entwicklung der Menschheit nichts sei, als ein ernstes und andächtiges Suchen
nach Wahrheit, und wie die ganze politische Geschichte im letzten Grunde auch
nichts sei, als ein allmähliches Bändigen des Egoismus, welcher Menschen,
Stämme, Völker feindlich voneinander scheidet: durch Steigerung der Bedürfnisse,
durch Läuterung des Rechtsgefühls und durch die Zunahme der Liebe und Ehrfurcht
vor allem Lebendigen.
    Nach solcher Vorbereitung begann der Professor sogleich die Odyssee
vorzulesen, kurze Erläuterung anfügend. Noch nie hatte Poesie so groß und rein
auf die Seele der Frau gewirkt, der heitere Märchenton des ersten Teils, die
gewaltige Ausführung des zweiten nahmen ihr Herz ganzgefangen, die Gestalten
erhielten ihr ein fast greifbares Leben, sie wandelte, litt und frohlockte mit
ihnen, hinaufgehoben in eine neue Welt schöner Bildung und hoher Empfindungen.
Als der Schluss herankam, der Vielduldende seiner Gattin gegenübersass und die
Erkennungsscene Töne aus dem geheimsten Leben der jungen Frau anschlug, da saß
auch Ilse, die Wangen gerötet, die tränenfeuchten Augen schamhaft
niedergeschlagen, neben dem geliebten Manne; und als er geendet, schlang auch
sie die weißen Arme um den Geliebten und sank aufgelöst von Entzücken und
Rührung ihm an die Brust. Ihrer Seele, die nach langer Ruhe in einem großen
Gefühle erglüht war, verklärte das unsterbliche Schöne dieser Dichtung alle
Stunden des Tages, ja die Sprache und Haltung. Gern versuchte sie sich selbst
mit Vorlesen, und der Professor hörte mit inniger Freude, wie die majestätischen
Verse klangvoll von ihren Lippen rollten, und wie sie in Tonfall und Ausdruck
unbewusst seine Sprache nachahmte. Wenn er früh in die Vorlesung ging und sie ihm
in seinen braunen Tüffelrock half, da klangen ihm die herzerfreuenden Worte
nach: »Purpurn ist und rau das Gewand des edlen Odysseus;« wenn sie ihm in der
Lehrstunde gegenübersass und er einmal Pause machte, dann brachen die
bewundernden Worte von ihren Lippen: »So mit klugem Bedacht und verstandvoll
redest du Alles.« Und wenn sie sich selbst loben wollte, dann summte sie zuden
brodelnden Blasen des Teekessels: »Selbst wohl hab ich im Herzen Verstand und
erkenne genugsam Gutes zugleich und Böses; doch vormals war ich ein Kind noch.«
Auch das Gut des lieben Vaters leuchtete ihr jetzt in dem goldenen Glanze der
Hellenensonne. »Ich weiß nicht,« sagte der Vater einmal des Abends zu Klara,
»wie es möglich ist, dass Ilse so schnell den Brauch unserer Wirtschaft
vergessen konnte. Sie spricht in ihrem Briefe von der Zeit, wo die Rinder wieder
in dem weitscholligen
