 welche vom
Himmel zur Erde herabsinkt, nimmt jedoch durch seine Masse und Schwere ein
stumpfes, hartes Grau an, das selbst die schwerste Wolke nicht hat, und sieht
ganz tot und leichenfahl aus. In solchem Moment tritt zuweilen - und am
häufigsten im Herbst - das wunderliebliche Alpglühen ein. An die totesstarren
Spitzen des Hochgebirges mit ewigem Schnee fliegt plötzlich ein rosiges Licht
und eine zauberhafte Illumination flammt auf zwischen Himmel und Erde. Die
höchsten Spitzen der Schneeberge bilden über der grauen Tiefe und unter dem Grau
in der Höhe eine Kette von rosigen Flammen oder von glühenden Rosen, die im
Äther zu schweben und ohne Zusammenhang mit der Erde zu sein scheinen.
    Dies wunderschöne Naturschauspiel fand so eben am Montblanc statt: seine
drei eisgrauen Häupter strahlten im Rosenfeuer des Alpglühens. Das dauerte ein
paar Minuten; dann sank das Feuer, verglomm mehr und mehr, die Schatten krochen
aufwärts, nur eine Kohle glimmte noch auf der äußersten Spitze - nur ein Funke
noch - nun erlosch auch der und das Gebirg trat in seine tote Starrheit zurück
und die Schatten der Nacht machten es doppelt finster und kalt. Judit wickelte
sich ströstelnd in ihren Burnus, wendete sich plötzlich zu den Männern hin und
sagte:
    »Meine Herren, warum ist die hässliche Erde zuweilen so wunderschön?«
    Einer der Herren, ein russischer Fürst, entgegnete verbindlich:
    »Die Rätsel der Sphynx löst nicht jeder Sterbliche.«
    Zwei Engländer, Vater und Sohn, wütende Touristen und geschworene Bewunderer
aller Merkwürdigkeiten und aller Berühmteiten, sagten aus einem Munde:
    »Oh! Ah! No! very well!«
    Ein junger Franzose rief lebhaft:
    »Weil Sie, Signora, über die Erde wandeln.«
    Florentin sagte: »Weil in den Stoffen der Natur auch diejenigen Kräfte
liegen, welche im harmonischen Zusammenwirken die Schönheit bilden.«
    »Was sagt Graf Orestes?« fragte Judit ihn; denn er schwieg.
    »Er sagt nichts!« rief Orest ungeduldig. »Ich bitte, verschonen Sie mich mit
solchem hohlem Gerede! Sie selbst sind ein solches Rätsel, dass Sie mir
wahrhaftig keine neuen aufzugeben brauchen.«
    »Nun aber müssen Sie uns auch die Lösung geben,« sagte der Fürst.
    »Es war kein Rätsel, es war nur eine Frage,« erwiderte Judit; »und ich
fragte ganz ehrlich, weil ich durchaus nicht begreifen kann, weshalb diese Erde,
die ja weiter nichts als ein immenser Klumpen von Moder ist, in welchem alles
Leben sich auflöst, weshalb und woher diese garstige Masse zuweilen eine
Schönheit erhält, welche das Herz rührt und die Seele erschüttert.«
    »Die ganze Schöpfung ist von Gott - die Natur, wie das Menschenherz,« sagte
der junge Franzose; »und um
