 müssen doch sehen, wie der gute Junge auf seinem Bergschloss einsam
wie ein verzauberter Prinz sitzt.«
    »O herrlich!« rief jubelnd Korona.
    »Er ist nicht einsam,« wendete Regina schüchtern ein; »nach den letzten
Briefen ist Hyazinth noch bei ihm.«
    »Desto besser! dann sehen wir sie beide!« sagte der Graf entschieden. -
    So ging es denn am andern Morgen gen Stamberg. Nach einigen Stunden
verließen sie die Eisenbahn und fuhren bergwärts in's Tal hinein und langsam
steigend, in weiten bequemen Windungen zum Schloss hinauf. Die Brüder hatten ihr
Gespräch abgebrochen und saßen schweigend im Erker. Jeder hing seinen Gedanken
nach. Beider Blick ruhte auf der schönen Landschaft - und keiner nahm sie wahr!
Uriels schwärmerisches dunkles Auge glitt über Wälder und Hügel, über Täler und
Ströme in eine Zukunft hinein, aus der Regina's edle und holde Gestalt beseelend
und beherrschend aufstrahlte; und Hyazinth's klares, stilles Auge flog über alle
Gebilde und Erscheinungen der Erde zu demjenigen auf, der das Wesen dieser
Schattengestalten ist und ihnen ihre vergängliche Schönheit, den matten Abglanz
seiner unvergänglichen und wechsellosen gibt. Das große Erkerfenster war weit
geöffnet und rahmte ein Stück des leuchtenden blauen Himmels ein, aus dem der
Sonnenstrahl, wie ein goldener Strom, in's Gemach quoll. Ein Nachzügler des
Sommers, ein verspäteter Schmetterling, gaukelte durch die warme Luft und suchte
umsonst nach den entblätterten Rosen. Eine Schwarzdrossel, verspätet auf ihrem
Wanderzug, schlug zuweilen ein paar süße Töne an, Erinnerungsklänge an ihren
vergessenen Liebesfrühling. Ein rötliches Blatt, müde von Regen, Wind und
Sonnenglut, löste sich leise vom Zweig und rieselte zur Ruhe herab auf das
weiche Moos, das die mächtigen Wurzeln der Eiche bedeckte, in deren Wipfel es im
Frühling gesäuselt hatte. Eine bezaubernde Stille herrschte in der ganzen Natur,
eine Stille, welche das unruhige Menschenherz bald als etwas Ersehntes
beschwichtigt, bald als etwas Fremdartiges bedrückt.
    »Ohne sie .... fällt der Vorhang über alles, was erdenschön ist: das steht
fest!« sagte Uriel halblaut zu sich selbst, als das Ergebnis seines Nachsinnens.
    »Und gerade dann geht die übernatürliche Schönheit auf,« erwiderte Hyazinth
und blickte mild in das schwärmerische Auge seines Bruders. »Du führtest vorhin
Worte des heiligen Augustinus an; vergiss nicht, dass er auch gesagt hat: Keine
irdische Schönheit und keine irdische Freude konnte mich je glücklich machen.
Müde machte sie mich, aber nie ruhig. Ein glückseliges Leben ist die Freude an
der Wahrheit - ist die Freude an dir, o mein Gott, und in dir, denn du bist die
ewige Wahrheit.«
    »Augustinus hat auch keine Regina geliebt,«
