 einer hervorleuchtenden Blume fehlen, bei welcher
wir verweilen und flüstern können: »Wie lieblich und heilig ist diese Stätte!«
    Ich habe meine kleine Lampe angezündet und träume wieder über den Blättern
meiner Chronik. Das, was die ältliche, freundlich-schöne Frau, die mir heute den
Strauss junger Veilchenknospen herüberbrachte, auf den Wogen ihrer Melodien sich
schaukeln lässt, kann ich ja nur auf diese Weise festhalten. - Ich habe bis jetzt
Bilder gezeichnet aus unserer Kinder Kinderleben, heute will ich ein anderes
farbiges Blatt malen, wie ein Zauberspiegel voll blühenden Lebens, voll süßen
Flüsterns, voll träumenden Sehnens und lächelnden Träumens - ein einziges Blatt
aus der vollen Pracht des Herzensfrühlings, ein einziges Blatt aus der Zeit der
jungen Liebe!
Oh, dass sie ewig grünen bliebe,
Die schöne Zeit der jungen Liebe!
sang der Dichter, und überall treffen wir den Spruch an, auf Kaffeetassen, in
Stammbüchern und auf Pfeifenköpfen. Das soll kein Spott sein! Was das Volk
erfasst hat, will es auch vor sich sehen, es spielt mit ihm, es spricht den
gereimten Gedanken, den es zu seinem Eigentum gemacht hat, oft zwar mit einem
Lächeln auf den Lippen aus, aber es trägt ihn darum doch tief im Herzen. Das
Volk steigt nicht zu dem Wahren und Schönen hinauf, sondern zieht es zu sich
herab, aber nicht, um es unter die Füße zu treten, sondern um es zu herzen, zu
liebkosen, um es im ewig wechselnden Spiel zu drehen und zu wenden und sich über
seinen Glanz zu wundern und zu freuen. Ober der Wiege des ewigen Kindes
»Menschheit« schweben die guten Genien, die großen Weltdichter, schütten aus
ihren Füllhörnern die goldenen Weihnachtsfrüchte herab und sind mit ihren
Wiegenliedern stets da, wenn hässliche schwarze Kobolde erschreckend
dazwischengelugt haben.
    Schön ist die Zeit der jungen Liebe! Sie ist gleich der Morgendämmerung, wo
der Himmel im Osten leise sich rötet, wo Knospen, Blumen und alles Leben dem
kommenden Tage in die Arme schlummern und nur hin und wieder eine Lerche, den
Tau von den Flügeln schüttelnd, jubelnd, glückverkündend emporsteigt. Noch
bedeckt der Nebelduft zauberhaft, geheimnisvoll alle Abgründe und öden Stellen
des Lebens; die jungen Herzen glauben nur Blumen und flatternde Schmetterlinge
und bunte nesterbauende Vöglein unter dem Schleier der Zukunft verborgen.
    »Süßes Geliebtsein, süsseres Lieben!« hat ein anderer Dichter einmal
ausgerufen, und ich, ein alter, einsamer Mann, bedecke die Augen mit der Hand,
denke an die Gräber auf dem Johanniskirchhof, denke an den Stern meiner Jugend:
»Maria!« - - - Würde ich diese Erinnerung mit all ihrem Schmerz für der ganzen
Welt Macht, Reichtum, Weisheit lassen? - - - Ich glaube
