 Sich um Anderes, was noch
fehlen konnte, zu sorgen, lag nicht in ihrer Natur. Wenn sie in ihre Börse
griff, hatte es bis jetzt noch an den notwendigen Mitteln nie gefehlt. Aber sie
blickte nicht einmal so weit hinaus! Sie war befriedigt, dass Rafflard einsah,
ihre Liebe zu Egon wäre eine Notwendigkeit, eine vom Gott der Götter, dem
allbindenden Eros, vollendete Tatsache. Wenn sie weinte, war Rafflard traurig.
Wenn sie hoffte, verklärte sich auch sein Blick. Was sollte sie da grübeln,
denken? O Himmel, das Denken, das Vor und Nach war ihr ja das Peinlichste! Nur
fühlen mochte sie, empfinden, verschweben, wie ein Lichtatom in der Sonne ihrer
Liebe, und Alles, das Höchste, das Herrschende war ihr der Moment.
    So rückte Egon's Genesung heran. Helene jubelte ihr entgegen wie dem
erwachenden Frühling. Jeder, der ein grünes Blättchen der Hoffnung ihr vom
Palais Hohenberg brachte, wurde königlich belohnt. Die Bedienten, die
Wandstabler's alle durften zu ihr geradezu hereintreten, wenn sie nur zu melden
hatten, dass der Prinz eine Stunde gut geschlafen, eine Speise mit Appetit
verzehrt hatte. Helene fuhr zu den Italienern, um Früchte, zu den Konfiseurs, um
Näschereien zu kaufen. Sie war so unkundig der wirklichen Gebrechlichkeit des
Menschen, dass sie sich einbildete, Ananas, Trauben, Melonen, alles Das müsse
erquicken oder die Verdauung stärken. Sie übte in ihrer Weise einen frommen, der
Liebe gewidmeten Cultus, der Rafflard, im Geheimen beobachtet, nicht wenig
belustigte. Die meeresschaumgeborene Göttin erhörte Helenen's Flehen. Egon genas
und sie selbst, die zarte kleine Gestalt mit den weichen runden Formen, den
bewegten, langbewimperten Gazellenaugen, dem glänzenden schwarzen Haare, dem
anmutigen Lächeln, erholte sich wieder von der Wachsfarbe des Grams, die ihren
zarten Teint überhaucht hatte, zu dessen ganzer blendenden Weiße.
    Es war Oktober. Wohl vierzehn Tage waren hingerauscht in den Wonnen des von
Drommeldei und Rafflard allmälig vorbereiteten Wiedersehens. Das Wetter war
gleich nach der Partie von Solitüde, auf die Helenen's Glück folgte, rau,
stürmisch, dann regnerisch geworden. Wo weilte man da traulicher als im Arme der
Liebe? Wo war es heimischer als hinter geschlossenen Fenstern, in schönen
gefälligen Zimmern, in denen schon Abends ein leichtes erwärmendes Feuerchen
knisterte? Da wurde gelacht, gescherzt, geschmollt, das Vergangene
durchgesprochen. Da wurden Pläne ersonnen von künftigen Vergnügungen, von
Reisen, von Villeggiaturen des nächsten Jahres, von Rom, Neapel! Egon und
Helene, Helene und Egon! Nur Beide allein auf der Welt, nur selig in der Liebe,
nur liebend wie im Paradiese. Die Vergangenheit wurde mit
