 sie einander selbst nicht mehr kennten, und seien sie doch Mann und Frau.
Dann liege ihm so schwer auf dem Herzen ein Bangen, es wisse nicht vor was, aber
vor einem großen Unglück. Es sei ihm, als stehe vor ihm eine große schwarze
Wolke und in der Wolke ein grausig Etwas, es wisse nicht was, aber es erwarte
mit Zittern und Beben, dass es herausfahre und ihns verschlinge und alles alles
mit. Dieses Weinen, Predigen, Bangen versteckte Vreneli bestmöglichst vor allen,
aber am Neujahrstage vermochte es dieses nicht, die Brunnen der Tiefe brachen
unwillkürlich auf. Wie der liebe Gott größere und kleinere Lichter gemacht hat
am Himmel, welche Tag und Nacht regieren und die Jahre zumessen den
Menschenkindern, so hat er auch diesen Menschenkindern ein Gefühl in die Seele
gelegt, welches die schwindenden Tage mit Bangen zählt und mit Zagen jedes neu
zugemessene Jahr betrittet; denn am Ende der Tage ist der Tod, und im neu
angetretenen Jahre kann man treten auf diesen Tod. Es ist überhaupt jedes Jahr,
welches kommt mit seinen 365 Tagen, eine dunkle Wolke, schwanger mit Tod und
Not, mit Freude und Lust. Wie diese Wolke tritt in die Zeit hinein, wird es
lebendig in ihrem Schoße; die Wolke glüht, speit Blitze aus, zahllos,
ununterbrochen, blitzt ins ohnmächtige Menschengeschlecht hinein Not und Tod,
Lust und Freude, Millionen fallen, Millionen weinen, Millionen jauchzen auf,
verstummen wieder, wenn von entgegengesetzter Seite her millionenfacher Jubel
schallt.
    Als nun früh am Neujahrsmorgen Vreneli erwachte, berührt sich fühlte von der
schwarzen Wolke Rand, war es ihm, als höre es das Schmieden der Blitze, welche
fahren sollten durch sein Herz, es füllen mit Not und Tod. Ein unendlich Bangen
ergriff ihns, ein unaussprechlich Weh, in lautes Schluchzen brach es
unwiderstehlich aus. Uli erwachte darob, fragte bestürzt: »Vreneli, was hast,
was fehlt« Lauter noch schluchzte Vreneli, aber Worte fand es nicht. Uli ward
angst, er wollte Licht machen, wollte nach Hoffmannstropfen gehen, endlich
konnte Vreneli sagen: »Ach, Uli, mein Uli, es ist mir so bang, so angst, aber
Tropfen helfen nichts. Es ist nicht mehr wie ehemals, die böse Welt kam über uns
und zwischen uns, und mir ists, als stehe vor uns ein groß groß Unglück; noch
ist Nacht darum, ich höre wohl sein Schnauben, aber seine Gestalt sehe ich
nicht. Wie soll das gehen, wie wollen wir es ertragen, wenn wir einander nicht
mehr verstehen, du so misstrauisch, so unzufrieden bist mit mir, allen Andern
mehr glaubst als mir Ach Uli, mein Uli, das dauert mich so sehr, drückt
