 Sie unter der Idealität des Genusses begreifen. Wie Sie aber
diese Idealität nur in der Erinnerung und in der Hoffnung, also immer doch in
der Entbehrung, im Mangel finden, das verstehe ich nicht. Haben Sie nie
Augenblicke gehabt, wo sie, von einer durchaus reinen, edlen Empfindung, oder
einem schönen und großen Gedanken durchdrungen, sich gestehen mussten, dass die
Gegenwart und ihr Bewusstsein auch ideelle Genüsse gewähren könne? - Ist dies
aber so, so kann man dem Schmerz wohl nicht allein das Vorrecht zuerkennen,
edler als Empfindungen anderer Art zu sein. Ich meine, dass es auch geistige
Freuden gibt, die eben so reinen Ursprungs und eben so idealer Natur sind, als
geistige Schmerzen.«
    Eben wollte Landsfeld antworten, als der Hofrat Rupf eintrat. »Es ist mir
lieb, dass Sie kommen,« sagte die Forsträtin zu diesem - »ich möchte mit Ihnen
über unsere Reise sprechen.« Sie führte ihn in's Nebenzimmer, indem sie den
Baron wegen dieser Unterbrechung um Entschuldigung bat.
    »Ich vermute« - sagte dieser lächelnd zu Lydia, indem er das frühere
Gespräch wieder aufnahm - »dass Sie in der Verteidigung der Freude an den
idealen Eindruck denken, den eine großartige oder schöne Naturerscheinung auf
uns hervorbringt. Aber denken Sie zurück an die Art dieser Eindrücke? Ist es
wirklich Freude gewesen, nur Freude, was Sie in solchen Augenblicken erfüllte?
Hat kein Gefühl der eigenen Beschränktheit, keine Sehnsucht nach der unendlichen
Freiheit diese Freude getrübt? Ich bezweifle es. Je tiefer sich der Blick in die
Ferne verliert, je höher er in den ewigen Himmel aufsteigt, desto beklemmter
wird die Brust, desto unendlicher die Sehnsucht, die Schranken der Gegenwart zu
durchbrechen und sich in die absolute Tiefe zu versenken.«
    Lydia dachte an jenen Morgen, an dem sie mit so wehmütigen Empfindungen den
Sonnenaufgang betrachtet, und eine Träne trat in ihr Auge. »Sie haben doch wohl
Recht« - sagte sie fast traurig. - »Aber ist es nicht ein entmutigender
Gedanke, dass der Mensch nur durch das Opfer seiner Unbefangenheit und seines
Frohsinns sich dem Ideale nähern kann, dass er also nur entweder in der
Erinnerung oder in der Hoffnung leben darf, wenn er sich seines geistigen Wesens
bewusst werden will?«
    »Ich denke nicht, dass diese Entbehrung so groß ist. Denn was liegt zwischen
Erinnerung und Hoffnung? Dasselbe, was zwischen Vergangenheit und Zukunft: die
Wirklichkeit, die Gegenwart. So sagt man, ohne zu bedenken, dass, wenn man anders
unter Wirklichkeit und Gegenwart das Bewusstsein davon versteht, die Wirklichkeit
nicht gegenwärtig und die Gegenwart nicht wirklich ist. Wie die Gegenwart der
Punkt ist, in dem Vergangenheit und Zukunft zusammentreffen, und
