 der von Norden nach Süden sich
hinziehend in den Strahlen der eben von den höchsten Gipfeln verschwindenden
Abendsonne erglühte. Mit gekreuzten Armen betrachtete Landsfeld das feierliche
schöne Schauspiel des sinkenden Gestirns, das noch einen letzten Abschiedsblick
und Kuss auf die allmählich zur Ruhe versinkende Erde zu werfen schien. Die Tage
seiner Jugend dämmerten in seiner Erinnerung auf mit allen ihren reinen Freuden,
mit allen schuldlosen Genüssen und harmlosen Spielen. Damals auch war er auf dem
Gebirge seines Vaterlandes umhergeklettert, damals auch fühlte er dies
innerliche Sehnen, auf den höchsten Spizzen zu stehen und herabzublicken auf die
Täler, wenn sich die Schatten auf sie lagerten, während die Gipfel und er
selbst auf ihnen noch von der dunkelsten Glut der Sonne erleuchtet wurde. Damals
auch kannte er keinen größeren Schmerz als den, dass er die höchsten,
schneebedeckten Gipfel nicht erreichen konnte, die weit, weit hinter ihm noch
lagen und ihm in ihren weißen Häuptern bald zu winken, bald zu höhnen schienen.
Damals und heut! -
    Welche Bilder hatten sich seitdem durch seine Seele gedrängt, welche Reihe
von Gedanken seinen Geist bestürmt! - Jene Bilder waren verblichen und
verstümmelt, jene Gedanken hatten sich selbst verzehrt, oder waren von andern
verzehrt worden, von scharfen, bitteren, schmerzlichen Gedanken, die seine Brust
ausgehöhlt und sein Herz verdorrt hatten.
    Aber die Erinnerung weckte die Leichen in seiner Brust und in seinem Herzen.
Wie Schatten zogen sie vor seinem innern Gesicht her, die heitern Bilder, die
ihn traurig und die düstern, die ihn bitter stimmten. Ein unendliches Gefühl des
Alleinseins ergriff ihn; eine Seele wollte er haben, in die er sich ergießen,
aus der er Hoffnung und Trost schöpfen könnte.
    Hoffnung, worauf? Trost, wofür?
    Noch war in Landsfeld die Sehnsucht nach dem lebendigen Ideal nicht
untergegangen. Ja, in dieser Erinnerung an seine Jugend selbst konnte er die
Gewähr dafür schöpfen. Aber er sagte zu sich: »Wohl ist die Erinnerung das ewig
mit sich selbst ringende, ewig an sich selbst zweifelnde Bewusstsein des Ideals,
aber gepaart mit der Überzeugung, dass seine Erreichung unmöglich sei. Denn
warum wäre sie sonst schmerzlich, auch bei sogenannten guten Menschen? Sie ist
nicht die Vorstellung eines wirklich gehabten Genusses, sondern das zwecklose
Idealisiren desselben, das unwahre, selbsttrügerische Reinigen desselben von
allem Materiellen, Unbequemen, Hinderlichen, Unangenehmen, - kurz
Schlackenartigen, von dem jeder Genuss seinen Teil und jeder Schmerz den
seinigen hat, denn kein Genuss ist ohne Sinnlichkeit und kein Schmerz ohne
Egoismus. Darum stimmt uns eine Erinnerung nicht traurig, weil wir fühlen, dass
es nichts Wirkliches ist, was wir verloren, auch nicht froh, weil wir fühlen,
dass die Vergangenheit eine ewige ist, sondern wehmütig: - Und was
