 für die Gnade des Himmels. Tränenlos sieht sie sich um in den
unbegränzten Räumen, die sie seit frühester Jugend bewohnt. Hier hatte sie ein
kurzes, ideales Liebesglück genossen; und durch die Reihe der Jahre hindurch
verfolgte sie träumerisch alle Wünsche und Hoffnungen, die hier in traulicher
Dämmerstunde ihre Brust geschwellt. Nun lag alles hinter ihr - abgeschlossen,
ein Paradies, aus dem sie verbannt war. Sie blätterte in dem Buch dieser schönen
Vergangenheit, in welches das Leben noch nicht seine ehernen Lettern geprägt!
Noch war es ein Stammbuch voll duftiger, zarter Blätter, Blumen der Freundschaft
und Liebe; auch manches unbeschriebene Blatt mit bedeutungsvollen Zeichen, über
das die Ahnung hinaus in die unbestimmte Ferne zog! Dies Buch war geschlossen
auf immer; das Evangelium ihrer Jugend durfte nur noch in der Erinnerung leben!
»O, könnte ich nur weinen!« seufzt sie, und schlägt mechanisch einige Töne auf
der Harfe an, als könnte sie dadurch eine mildere Stimmung heraufbeschwören, und
bewusstlos geht sie dann in eine ihr unendlich teuere Melodie über. Diese Töne
versetzen sie außer sich; ihr ganzer Körper zittert krampfhaft; jede Fiber bebt;
ihr Wesen ist im Innersten erschüttert - und doch bleibt das Auge trocken; keine
Träne kühlt die innere, verzehrende Glut. Noch einmal faltet sie ihre Hände zum
Gebet - dann springt sie unheimlich rasch auf, und ruft: »Beten kann ich nicht -
wohlan so will ich fluchen. Es gibt keinen Gott der Liebe; warum leide ich
sonst: Wenn die Gnade des Himmels nicht allgemein ist, wie sein Regen und sein
Sonnenschein; wenn sie nicht auch zu mir und meinen Schmerzen segnend
herniedersteigt: dann ist sie ja nichts, als ein Traum der Glücklichen, die ihr
süßes Vorrecht in so schöne Bilder kleiden. Ich will nicht länger zu diesen
Träumen schwören. Meine Träume hat die Wirklichkeit zertrümmert, die
Wirklichkeit dieser Welt und ihre eherne Macht! Wohlan, so will ich sie
anerkennen, und mit ihr kämpfen um jeden Fuß breit Landes, den ich mir
umschaffen will in ein Paradies.«
    »Für die Welt, die den Sieg davongetragen über mein Herz,« fuhr sie feuriger
fort, »für die Welt nur will ich leben. Das Geld, mit dem der Seelenhandel
getrieben wird, dem ich die Ideale meiner Jugend geopfert, ist ja der Schlüssel
zu dem Reich dieser Welt, zu allen Quellen des Genusses und der Freude! Geld war
mein Verhängnis - es soll mein Verhängnis bleiben, dem ich willig folge; gegen
das ich länger nicht töricht kämpfe! Ich gelobe es mir fest in dieser
qualvollen Stunde; und breche mit den frommen Träumen und heiligen Gelübden
meiner Jugend.«
    Das Äußere der jungen Frau war wie umgewandelt durch
