 Morgengrauen empor - es
klingt mit seltsamer Bewegung wieder im Blumenkelch - er richtet sehnsüchtig
sein Haupt noch höher auf - aber er bleibt verschlossen. Nun graut es im Osten -
nun fallen alle Nebel, wirbeln und singen alle Vögel zugleich - ein heiliges
Schauern zieht erschütternd durch die ganze Natur, regt sich in der höchsten
Eiche, wie im kleinsten Halme - ein tausendstimmiger Jubel bricht los - als
plötzlich die Sonne aufgegangen und mit viel Tausend strahlenden Liebesbändern
die ganze Schöpfung an ihr unsterbliches Herz zieht. Und einer dieser
allmächtigen Strahlen rührt auch an den verschlossenen Lilienkelch - und die
Blütenseele wacht aus ihrem Traum auf, tut ihre verhüllenden Blätter
auseinander, öffnet sich dem heißen Lichtglanz und lässt ihn segnend eindringen
in ihre goldenen Tiefen, dass köstliche Nektartropfen darinnen hervorperlen. -
Dieser hohen Lilie glich Elisabet. Gleich einem strahlenden Morgensterne hatte
einst Gustav Talheim ihr nahe gestanden, zu dem sie mit heiligen Vorgefühlen
emporschaute - aber Jaromir war ihr als eine leuchtende Sonne aufgegangen, ihr
tief in's Herz gedrungen, so dass es all seiner Schönheit Fund seines Reichtums
sich dadurch erst selbst bewusst geworden war und immer vollendeter Beides
entfaltete. -
    So war denn das ganze Maileben glühender keuscher Liebe für sie angebrochen.
-
    In den ersten sonnigen Stunden des Nachmittags eilte Jaromir täglich in den
Park von Hohental und in die stille, von Bäumen verschwiegen beschattete
Rotunde, in welcher er Elisabet zuerst seine Liebe gestanden hatte. Dort harrte
er dann - und harrte selten vergebens - bis die Geliebte unter den Bäumen hervor
ihm entgegentrat und zart errötend in seine geöffneten Arme sich warf. Nur
zuweilen, wenn Gäste zu Mittag im Schloss waren, blieb sie aus oder flog nur
eilend hin zu ihm, um ihn nach wenig Momenten wieder fortzutreiben. Denn noch
lag der zarte Schleier des Geheimnisses über ihrer Liebe und es war, als hätte
Keines von Beiden ihn heben mögen. Zwar machte er jetzt noch öfter als vorher
Besuche in Elisabeths Familie und ihre Eltern empfingen ihn gern, obwohl es
schien, als ob sie Aarens noch mit freundlicherer Auszeichnung willkommen
hießen.
    So waren denn auch eines Nachmittags Elisabet und Jaromir in der Rotunde
bei einander. Er hatte ihr einen Strauss Rosen mitgebracht und wollte jetzt, dass
sie diese sich zum Kranze winde.
    »Wir wollen hier die kleinen Marmorsäulen unsers heiligen Liebestempels
umkränzen,« sagte sie, »wir dürfen wohl heute ein geheimes Fest feiern, denn
heut' ist es ein Jahr, dass wir zuerst uns sahen.«
    »Sei mir nicht böse,« sagte er und küsste sie innig, »aber ich brachte Dir
dazu die Rosen mit, um zu sehen, ob Du auch diesen Tag im treuen Gedächtnis
bewahrt haben würdest.«
    »Nun, dafür, dass Du mich erst
