 Mal in meinem Leben habe ich in einer Kirche
gebetet, aber so, als ob Engel meinem Herzen Flügel gegeben hätten und als ob es
aus der engen Brust herauswolle. - Und zum ersten Mal hab' ich einen Mann beten
sehen! Sedlaczech kniete neben mir und betete still, andächtig, gesammelt, ohne
Gesangbuch und ohne Predigt, was er eben in seiner Seele fand. Ach Paul! wie das
schön ist wenn ein Mann so betet und sich nicht schämt vor Gott auf den Knien zu
liegen! .... und auf den kahlen Quadersteinen knieten wir, und alles Volk um uns
herum, ohne Absperrung und Gitterstühle, und es fiel Keinem auf. Ach das ist
auch schön, denn es ist so demütig! - Können wir nicht den Gottesdienst in
Engelau so einrichten? - Ich sag Dir, Paul: wie Sedlaczech betete kann ich gar
nicht vergessen.« - - - -
    Das Hochamt im Würzburger Dom war der Glanzpunkt meiner Reise. Zwar besuchte
ich noch häufig die Messe mit Sedlaczech, aber immer aufpassend ob er wieder so
andächtig beten würde, zerstreuten mich diese Gedanken. Ich kam nicht recht zu
innerer Sammlung, und die seine schien mir auch nicht mehr so extatisch wie das
erste Mal, eben weil ich ihn mit gespannter Erwartung beobachtete. Es kamen auch
neue Eindrücke! die Welt des Hochgebirges tat sich mir auf mit ihren
Wasserfällen, ihrem ewigen Schnee, ihren starren Felswänden an die sich grüne
Matten schmiegten. Diese unerhörte Majestät zerschmetterte mein kleines Herz. Es
war nichts in mir das mit diesem erhabenen Ernst sympatisirte. Er machte mich
melancholisch. Ich schrieb an Paul.
    »Was wollen die Leute mit ihrer Bewunderung des Hochgebirges - ich versteh'
es nicht! mich machen diese starren gigantischen Massen frieren, denn sie leben
ja nicht. Das Meer lob' ich mir, nicht wahr, Paul? was da für Leben drin ist!
das atmet wie ein Mensch; das lächelt, trauert, klagt, wütet, grollt, scherzt
wie ein Mensch. Ich meine immer dem Meer möchte ich mich ans Herz werfen - da
würde mir wohl sein. Aber den Felsen gegenüber fällt mir das nicht ein! sie
locken mich nicht, sie wälzen sich mir drückend entgegen; ich möchte mich gegen
sie verteidigen und fühle da so recht meine Unmacht .... schwaches
Erdenwürmchen das ich bin. Neben Dir, Paul, würde ich auch den Felsen gegenüber
ein Gefühl von Sicherheit haben, das mir jetzt fehlt und das mich zittern macht.«
- - - -
    Meiner armen Mutter tat der Gebrauch von Gastein nicht gut. Nach
sechswöchentlichem Aufenthalt daselbst traten wir unsre Rückreise an, und
langten Mitte Oktobers mühselig und niedergeschlagen in Engelau an, wo
