 eines Daseins welches vor der Zeit
Schiffbruch litt; - vor der Zeit, was die Jahre betrifft, die uns ja bis »siebzig
oder achtzig« zugemessen - für die also Zustände denkbar sind, welche ihnen
Genüsse und Befriedigung verschaffen. Allein viel zu spät für die schauerliche
Erschöpfung in der diese Frau ihre Tage hinschleppte. Nichts auf der Welt machte
ihr Freude, nichts entlockte ihr ein Lächeln oder eine Träne, nichts erwärmte
ihr Herz oder beflügelte ihren Geist, nichts ruhte sie aus, nichts regte sie an.
Sie stand neben ihrem unterminirten und ausgeödeten Leben wie der Genius des
Todes jetzt neben ihrem Grabe stehen mag: unüberwindlich gleichgültig.
Gleichgültig - das war sie! aber nicht bloß für Andere, sondern mehr noch für
sich selbst. Es ist ja Alles gleich vorüber! - sprach sie mit ihrer tonlosen
Stimme und ihrem Marmorantlitz, und Körperleiden die Andere wahnwitzig machen
würden, erpressten ihr keine Klage. Als sie im Sarge lag fiel mir dieser
gleichgültige Ausdruck ganz unsäglich schmerzlich auf. Die Züge der Toten
pflegen fast immer mit Frieden und Milde gleichsam überstralt zu werden, so dass
unschöne schön - entstellte und zerwühlte versöhnt erscheinen. Ein gewisser
majestätischer Ausdruck von besiegten Leiden macht das Todtenantlitz zugleich
rührend und glorreich. Sie hatte ihn nicht, denn sie hatte keine Leiden besiegt,
die Leiden hatten sich nur von ihr zurückgezogen; und wo kein Sieg ist keine
Verklärung.
    Als ich die Blätter las in welche sie ihr Leben verzeichnet hat und welche
ich auf ihren Wunsch nach ihrem Tode empfing, war es mir als sähe ich einen
einsamen Vogel auf einer kahlen Felsenklippe im Meer sitzen, der eine
melancholische monotone Weise singt, die er der Brandung rings umher abgelauscht
und der Unermesslichkeit die ihn umgibt angepasst hat. Die Eindrücke ihrer ersten
Jugend, die träumerischen, sehnsuchtsvollen, unbestimmten, großartigen Bilder,
welche am Meeresufer, in Buchen- und Eichenwäldern, in Herbstnebeln an ihr
vorüber gezogen sind, haben ihrer Seele die entsprechende Färbung aufgedrückt,
und ihre Phantasie über alles Maß hinaus entwickelt. Sie hatte sich so gewöhnt
in ihren Träumen zu leben, dass die Wirklichkeit ihr überall nüchtern und blass
erschien; und weil die Phantasie ihr den Genuss des Unerreichbaren bot, so ließ
sie das Erreichbare matt und traurig fallen, hielt es nur für Täuschung des
Herzens oder Irrtum des Verstandes, und suchte und suchte - erst mit Sehnsucht,
dann mit Verzweiflung, dann mit Entmutigung - das unbekannte Gut, das sie
überall wahrzunehmen wähnte und nirgends fand.
    Nun liegt sie still und kühl gebettet in ihrer Heimat auf einem Hügel dessen
runde Kuppe einen Busch von Eichen trägt. Unausgesetzt tönt das Brausen der See
herüber, eben so monoton in ihrer Bewegung wie die stille grüne Landschaft rings
umher monoton in ihrer Ruhe
