 kam dass auch der Dichtergenius sich in mir rege. In welcher jungen
glühenden Seele regt er sich nicht? Bei mir aber bewährte er sich nur darin, dass
ich auf meine eigene Hand die Kinderspiele fortsetzte, welche ich einst mit
Heinrich getrieben - nur, meinem vorgerückteren Alter gemäß, gingen sie jetzt
mehr in mir vor, waren schweigend, still und innerlich, und gewährten mir einen
so intensiven Genuss, dass ich stundenlang unbeweglich auf einem Fleck, gleichviel
wo! sitzen und die Zeit und ihre Anfoderungen gänzlich vergessen konnte. Kam ich
durch irgend eine äußere Berührung wieder zu mir selbst, so war mir als stiege
ich von der Himmelsleiter auf die Erde herab, und ich eilte meine kleinen
Obliegenheiten mit Liebe und Pünktlichkeit zu erfüllen um mich dann wieder mit
ruhigem Gewissen in meine heissgeliebten Träume versenken zu können. Ich war sehr
aufmerksam in den Lehrstunden, sehr sanft und freundlich für meine Umgebungen,
beinah zärtlich und sehr fleißig für die Hülfsbedürftigen - denn während ich für
die Wöchnerinnen Weißzeug und für kleine Mädchen Röcke und Schürzen nähte, ließ
sich gar herrlich phantasiren, und dann tat es meinem Herzchen wohl auf irgend
welche sichtbare Gegenstände ein kleines Bächlein vom Strom der Empfindungen
abzulenken, welcher ohne Ufer, Ziel und Regel mein ganzes Wesen durchflutete. -
Ach, ich hätte so glücklich in der Wirklichkeit sein können! - allein ich
versäumte es aus schmachtender Sehnsucht nach einem unbekannten Glück.
    Es war Ende März, ein bitterkalter aber windstiller Abend, wie wir ihn
selten in unserm Norden und noch seltener in jener Jahreszeit haben. In
kupferfarbenen fast versteinerten Wolken - so hart sahen sie aus! - war die
Sonne untergegangen. Die Krähen flogen mit schwerem Flügelschlag rau krächzend
über die weißen Schneefelder und sammelten sich zur Nacht auf den kahlen Eichen,
die sich wie Riesen im schwarzen Harnisch gegen den glühenden Himmel
abzeichneten. Hie und da zwitscherte eine arme kleine Goldammer gleichsam ein
Stossgebet nach dem zögernden Frühling. Auf den Meierhöfen bellten die
Kettenhunde. Das schallte Alles so weit durch die klare Luft und über das stille
Land. Ich lief Schlittschuh auf dem festgefrorenen Kanal. Ich dachte ob in
andern Welten vielleicht die Seelen ohne Leiber so äterisch dahin gleiten
könnten, ob der »Geist von Loda« so auf den Wolken gefahren wäre. Ich dachte an
Heinrich mit dem ich in dieser Dämmerstunde immer Schlittschuh gelaufen war und
ach! mit welchem Jubel. Ich dachte dass er, wenn er lebte, jetzt ein schöner
Jüngling sein würde, so schön und vollkommen wie er zu werden versprach - dass
ich alsdann nicht einsam zu sein und mit mir selbst zu reden brauchte - dass wir
mit einander durch die Welt ziehen und Alles suchen und sehen würden, was es
Schönes unter der Sonne gibt - und mit
