 gereicht, und Trost und Beschwichtigung dafür fand Faustine immer bei
Andlau. War er nicht von der Glut, so war er doch stets von der Höhe ihrer
Empfindungen und wie ein Fixstern von unwandelbarem Licht. An diesem Abend, als
sie mit Andlau von dem Spaziergang nach der Neustadt heimkehrte, wo sie
künstlerische Beobachtungen über Mondscheinbeleuchtung angestellt, verweilte sie
auf der Brücke und sprach:
    »Anastas! ich muss mir einen Zaubergesang aufdenken, womit ich, wie die alten
tessalischen Zauberinnen, den Mond vom Himmel herabziehe. Er hat Geheimnisse,
die ich ergründen möchte. Sein Strahl berührt mich so kalt, dass ich schaudere,
wie von einem Leichenfinger berührt, und sein Glanz ist doch so magisch, wie der
eines geliebten Auges, in das man immer hineinblicken möchte.«
    »Lass den Mond in seiner Sphäre, und nimm Deinen Shawl zusammen, Ini.«
    »Und ich denke, wenn ich ihn ganz nahe bei mir hätte, ihm gleichsam Aug' in
Auge schaute, so würd' er nicht so leichenkalt sein. Um seiner Schönheit willen
tut mir seine Kälte leid, die gewiss ein großer Fehler ist.«
    »Besonders hier auf der Brücke. Nimm Deinen Shawl zusammen; die Luft weht
kalt über die Elbe.«
    »Ich tu' es, lieber Anastas! - Aber ich möchte wissen, ob die Gestirne
nicht einen wesentlichen und rätselhaften Einfluss auf den Menschen und seine
Schicksale haben; ob der Stern, welcher in dem Augenblick unsrer Geburt uns
begrüßt, für immer unser Freund und mit uns in Verbindung bleibt.«
    »Dies zu beweisen und zu berechnen, mühten sich in frühern Zeiten die
Astrologen ab. Unsre Tage der scharfen Analyse und der materiellen Industrie
sind dieser nebulösen Wissenschaft abhold, und ich meine, die Überzeugung sei
uns heilsamer und förderlicher, dass wir selbst mehr Einfluss auf unser Schicksal
haben, als Sonne, Mond und der ganze gestirnte Himmel.«
    »Es kann wohl Irrtum sein - dennoch bild' ich mir ein, dass die Sonne mich
lieb hat, weil ich an ihrem Herrschertage geboren bin, am 22. Junius. Das ist
der längste Tag des Jahres, da steht sie am höchsten über unserm Haupt, da tritt
sie das mächtige Reich des Sommers an. Und nur wenn die Sonne hoch über mir
steht, ist mir das Leben eine Lust, weil ich dann nicht abgesperrt von Erde,
Licht und Luft bin, sondern ihr frisches, schaffendes Regen teile und genieße.
Im Sommer, mein' ich, könne mir kein Unglück, nichts Böses widerfahren: die
Sonne lächelt mich an! ist sie nicht das Auge Gottes? - O Anastas, ich habe wohl
Recht, die himmlische Sonne zu lieben, die mir Freuden
