 es sich
ausnimmt wie ein geschorner Blumenstrauß, so hängt er ihm noch Manschetten an
aus seiner eignen Garderobe. Arnims irdische Lieder werden da heilige Märtyrer
unter meinem Musikstudium, und ihre Seligkeit kann ich weder durch Vor- noch
Nachspiel ausdrücken und tröste mich damit, dass Seligkeit etwas ist, was nie
eines Menschen Ohr gehört hat. - Aber mit meiner Musik geht es im ganzen
schlecht, das leugne ich Dir nicht, das ist aber nicht far niente, es ist
unüberwindliche Schweigsamkeit in meiner Kehle, ich muss vermuten, dass für die
Menschenarten wie die Vögelarten gewisse Zeiten gibt im Jahr, wo sie den Drang
zum Singen haben. In Offenbach, das war im Juni und Juli, da wacht ich gleich
mit Singen auf, und abends stieg ich immer hoch, wie die Vögel in den besonnten
Gipfel fliegen, um der scheidenden Sonne nachzusingen, da war der Taubenschlag
meine Tempelzinne, da kamen mir Melodien, sie entsprossten aus leiser Berührung
zwischen Ton und Gefühl, sie lösten die Fesseln dem, was in meiner Brust wie im
Kerker schmachtete, dem gaben sie Flügel auf einmal, dass es sich heben konnt und
ganz frei ausdehnen. - Ich hab oft darüber gedacht, dass Musik so leicht und
gleichsam von selbst sich melodisch ins Metrum füge, die doch vom Verstand weit
weniger erfasst und regiert wird wie die Sprache, die nie ohne Anstrengung das
Metrum des Gedankens ergründet und entwickelt. Die Melodie, die so in der
Singezeit auffliegt, in sich fertig gebildet, der Kehle entsteigt, ohne von dem
Geist gebildet zu sein, ist so überraschend, dass sie mir als Wunder erscheint. -
Ist die Sprache eine geistige Musik und noch nicht vollkommen organisch
gebildet? - Und Dichterdrang ist der Trieb des Sprachgeistes, sich zu reifen? -
Sollen vielleicht Gefühl, Empfindung, Geist ineinander durch die Sprache der
Poesie organisch verbunden werden als selbständige wirkende Erscheinungen? -
Haben Gedichte nicht geistige Verwandtschaften? Nicht Leidenschaften? Reisst ein
Gedicht nicht das andere mit Flammenglut an sich, sind Dichtungen nicht bloße
Begeisterung, heiße Leidenschaft füreinander? - Spricht ein Gedicht Liebe aus,
dann muss es ja in sich liebend sein, - es entzündet ja! - Ich muss ja jeden
Gefühlsschritt, jeden Atemzug mitleben, ich lieb ja so heiß wie die
gedichterzeugende Begeisterung der Liebe.
    Es wär Frevel, wollt ich dichten, weil ich den Wein trinke und im Rausch den
Gott empfinde. Weil der Vergötterungstrieb des Geistes mich durchschauert. Ich
kann's nicht erzeugen, das Göttliche, so sag ich Dir, und doch - es ist mir
gewiss, dass ich es inbrünstig liebe und es auch im einfachsten Keim erkenne, aber
ich selbst werd nicht Lieb erzeugen so wenig als ein Gedicht, ich fühl
