
erkennt.
                                                                  Am Mittwoch! -
Ich war gestern lustig, aber ein Brief der Klaudine über Dich, den ich fand, als
ich vom Turm kam, hat mich bewegt, Dir so ernst zu schreiben: wenn's dunkel ist,
kann man sich allerlei weismachen, eben weil Gelegenheit ist, so mannigfaltig
mit Schatten zu spielen; glaubt man auch nicht an den verzognen Schatten, so
duldet man doch nicht gern das groteske und doch so ähnliche Bild, und man kann
am wenigsten leiden, was man doch nicht glaubt; so nimm meinen Brief; ich hab
nie Deine Reden über Leben und Sterben leiden mögen, obschon ich weiß, dass es
nur Schatten waren, die an der Wand Deines Geistes spielten, gleichsam als wär
das Licht Deines Geistes schief gerückt, und sei mir gut und lass mich's nicht
entgelten, wenn ich nicht damit in Deine Träume eingreife, die vielleicht golden
sind im verjüngten Morgenglanz, während ich trübe Regenwolken wollte
verscheuchen, mit denen weit in den Abend hinein mir Dein Himmel überzogen
schien, als mir die Klaudine von Deinem Trübsinn schrieb. Es ist ja natürlich,
dass wer Dich von außen nur sieht, über Dein Inneres keinen treffenden Bericht
kann erstatten, von dem ich jetzt ahne, dass es heiter tront über Wolken, die
ihren Schatten zwar nach der Erde werfen, auf denen Du aber, himmlisch getragen,
im Licht schwelgst. -
    Hier leg ich Dir das Blatt bei, das ich, eh der Klaudine Brief kam,
geschrieben hatte, am Montag, wo's auf dem Turm so frühlingsmässig war, dass ich
an keinen Winter mehr glaubte.
                                                         Erstes Blatt vom Montag
Der poetische Vortrag vom Sonnabend hat mir seinen wechselnden Rhythmus wie in
eine Orgelwalze eingehämmert, der sogar meine Reden einschnürt; so leicht kann
eine fremde Kraft meinen Geist überwältigen. Dem Weiß hab ich gestern meinen
Gutenachtgruss, wie er behauptet, in Hexametern vorgestammelt, wundre Dich nicht,
dass ich diesem Plaggeist, weil ich so abendmüde bin, die Zügel schießen lasse
und Dir die Naturseltenheit eines frühlingsträumenden Winterabends in
aufdringlichen Rhytmen vortanze.
Eilt die Sonne nieder zu dem Abend,
Löscht das kühle Blau in Purpurgluten,
Dämmrungsruhe trinken alle Gipfel.
Jauchzt die Flut hernieder silberschäumend,
Wallt gelassen nach verbrauster Jugend,
Wiegt der Sterne Bild im Wogenspiegel.
Hängt der Adler, ruhend hoch in Lüften,
Unbeweglich wie in tiefem Schlummer;
Regt kein Zweig sich, schweigen alle Winde.
Lächelnd mühelos in Götterrhytmen,
Wie den Nebel Himmelsglanz durchschreitet,
Schreitet Helios schwebend über Fluren.
Feucht vom Zaubertau der heil'gen Lippen,
Strömt sein Lied den Geist von allen Geistern,
Strömt die Kraft von allen Kräften nieder
In der Zeiten Schicksalsmelodien,
Die harmonisch ineinander spielen
Wie in Blumen
