 ich
war auch weiß geputzt, und die Haare schön gelockt und mit flatterndem Band und
gelben Schuhen besucht ich schon früh den Baum; heut konnt ich nicht
hinaufklettern, ich hätte Schuhe und Kleid verdorben, darum dauerte mich der
Baum, so fuhr ich lieber nicht mit spazieren und hielt ihm Gesellschaft, und
weißt Du, was mich der Natur so anhängig macht? - Dass sie manchmal so traurig
ist, - andre nennen das Langeweile, was einem zuweilen so mitten im Sonnenschein
wie ein Stein aufs Herz fällt, ich aber leg es so aus: plötzlich steht man, ohne
es zu wollen, ihr, der Allgöttin gegenüber, ein geheim Gefühl der unendlich
zärteren Sorge, die sie auf uns verwendet, als auf alle anderen Geschöpfe, macht
uns schüchtern; alles umher gedeiht, jed Stäudchen, jed klein Käferchen zeigt
von so tiefer feingegliederter Bildung, aber wo ist auch nur ein Knöspchen in
unserm Geist, was nicht vom Wurm angenagt wär, sind wir nicht von Staub befleckt
und zeigt sich ein Blättchen unserer Seele in seinem glänzenden Grün? - Wenn ich
einem Baum begegne, der vom Meltau oder vom Raupenfrass erkrankt ist, oder eine
Staude, die verkeimt, dann mein ich, das ist Sprache der Natur, die uns das Bild
einer ungrossmütigen Seele zeigt. - Und wären alle Fehler des Geistes überwunden,
wären seine Kräfte in voller Blüte, wer weiß, ob dann in der Natur noch solcher
Misswachs oder schädlich Unkraut wär, ob der Brand noch ins Kornfeld käm, ob noch
giftige Dolden wüchsen, wer weiß, ob noch solche traurige Augenblicke in ihr
wären, die einem das Herz spalten; und man wendet sich ab, weil man nicht ahnen
will, was tief im Herzen schmerzlich mit wehklagt. Nein, sie findet kein Gehör,
die Mutter, obschon ihre Vorwürfe so zärtlich sind, dass sie einem gleich in
ihren Schleier hüllen möcht, und das Gift der Krankheit möcht sie mit ihren
Lippen aussaugen und aus ihrem Blut Balsam mischen, uns zu heilen.
    »Beweislos denken ist frei denken!« Dies eine nur lass mich Dir mit einem
Beweis noch bekräftigen zum Beweis, dass ich Dich versteh! - Denken selbst ist ja
von der Wahrheit sich nähren, sonst wär's Faseln und nicht Denken, Denken ist,
jenen Balsam trinken, den die Mutter aus ihrem Blute mischt, der uns von
Schwächen heilt, ist ja Gehör geben ihren zärtlichen Vorwürfen; und durch Beweis
dem eignen Herzen die Liebe darlegen wollen, die so ohne Rückhalt sich uns
ergibt, ist Beweis genug, dass sie das Herz nicht rührte. - Die Wahrheit rührt
das Herz, ist Geist, der augenblicklich höher steigt im Empfangen der Wahrheit
selbst und sich nach Höherem umsieht
