 noch an ihrem Munde -
Entschlummert sanft in ihrem Arm.
 
                                  Zweiter Teil
 Wenn dich eine höhere Vorstellung durchdringt von einer Menschennatur, so
zweifle nicht, dass dies die wahre sei; denn alle sind geboren zum Ideal, und wo
du es ahnst, da kannst du es auch in ihm zur Erscheinung bringen; denn er hat
gewiss die Anlage dazu.
    Wer das Ideal leugnet in sich, der könnte es auch nicht verstehen in andern,
selbst wenn es vollkommen ausgesprochen wär. - Wer das Ideal erkannte in andern,
dem blüht es auf, selbst wenn jener es nicht in sich ahnt.
 
                            Die Günderode im Jahr 4
                          Mahomets Traum in der Wüste
Bei des Mittags Brand,
Wo der Wüste Sand
Kein kühlend Lüftchen erlabet,
Wo heiß, vom Samum nur geküsset,
Ein grauer Fels die Wolken grüsset,
Da sinket müd der Seher hin.
Vom trügenden Schein
Will der Dinge Sein
Sein Geist, betrachtend hier, trennen.
Der Zukunft Geist will er beschwören,
Des eignen Herzens Stimme hören,
Und folgen seiner Eingebung.
Hier flieht die Gottheit,
Die der Wahn ihm leiht,
Der eitle Schimmer zerstiebet.
Und ihn, auf den die Völker sehen,
Den Siegespalmen nur umwehen,
Umkreist der Sorgen dunkle Nacht.
Des Sehers Traum
Durchflieget den Raum
Und all die künftigen Zeiten,
Bald kostet er, in trunknem Wahne,
Die Seligkeit gelungner Plane,
Dann sieht er seinen Untergang.
Entsetzen und Wut,
Mit wechselnder Flut,
Kämpfen im innersten Leben,
»Von Zweifeln«, ruft er, »nur umgeben!
Verhauchet der Entschluss sein Leben!
Eh Reu ihn und Misslingen straft.
Der Gottheit Macht,
Zerreisse die Nacht
Des Schicksals vor meinen Blicken!
Sie lasse mich die Zukunft sehen,
Ob meine Fahnen siegreich wehen,
Ob mein Gesetz die Welt regiert!«
Er spricht's; da bebt
Die Erde, es hebt
Die See sich auf zu den Wolken,
Flammen entlodern den Felsenklüften,
Die Luft, erfüllt von Schwefeldüften,
Lässt träg die müden Schwingen ruhen.
Im wilden Tanz
Umschlinget der Kranz
Der irren Sterne die Himmel;
Das Meer erbraust in seinen Gründen,
Und in der Erde tiefsten Schlünden
Streiten die Elemente sich.
Und der Eintracht Band,
Das mächtig umwand
Die Kräfte, es schien gelöst.
Der Luft entsinkt der Wolken Schleier,
Und aus dem Abgrund steigt das Feuer
Und zehret alles Ird'sche auf.
Mit trüberer Flut
Steigt erst die Glut,
Doch brennt sie sich stets reiner,
Bis hell ein Lichtmeer ihr entsteiget,
Das lodernd zu den Sternen reichet
Und rein und hell und strahlend wallt.
Der Seher erwacht
Wie aus Grabesnacht,
Und staunend fühlt er sich leben,
Erwachend aus dem Tod der Schrecken,
Harrt zagend er, ob nun erwecken
Ein Gott
