 Du hättest sehen sollen und fühlen den Strom lebendigen Atems,
der herüberwallte von ihm auf mich, wo ich saß. - Die Schwalben kamen
vorausgeflogen, die Nebel stiegen herab, die Abendstrahlen überleuchteten ihn
flüchtig und die Wiesen am Abhang, die Blumengärten, alles strömte er hinab aus
seinem Talschoss mir zu und enthüllte sich vor mir, dass der Blick ihn deutlich
fassen konnt, wie sah mein Aug gewaltig. - Aha! - Sonst hab ich weiter nichts
gedacht, er war mir der langerwartete, innigbekannte Geliebte! - So wandelt sich
denn der Geist in alles, was ich mit Leben weckendem Blick anseh. Und keiner
wird mir begegnen mich zu lieben, es ist der heilige Geist, der aus ihm zu mir
spricht. - Ach ja! - Ich kann von Glück sagen! - Seelenlauschen! Himmlische
Grazie! Du trägst mich ins Liebesbett, auf den grünen Rasen. - Was du weckst,
das weckt dich wieder - und was uns weckt, das ist der heilige Geist, der an
ferne Gipfel über den Nebeln mir aufstieg, denn weil ich gern mit Augen ihn
sehen wollt. - Wie vertiefte sich doch mein Blick in ihn und merkte nichts vom
Abenddunkel und dass er mich im Schleier fing der Nacht und ganz drin
einwickelte. Ja, wecke Du das Leben, so ist's gleich selbständig und überrumpelt
Dich. Und Du gehörst ihm, statt dass es Dein gehöre. - Ich hab aber noch was ganz
anders im Schild, das will ich Dir hier sagen: Je stärker die Gewalt, je
lebendiger ist sie, drum ist Schönheit der lebendige Geist, denn sie weckt
allein Leben - alles andre weckt den Geist nicht. Ach, wie schmachtet doch die
Seele nach Schönheit, nach Leben - die Schönheit ist Lebensnahrung der Seele.
Das ganze Unglück ist, wenn nicht alles Schönheit um uns ist, da stirbt alles ab
und auch für die Ewigkeit ist alles verloren, was nicht Keim der Schönheit ist.
Sehnsucht ist Schönheitskeim, der sich entfaltet. - Sehnsucht ist inbrünstige
Schönheitsliebe.
    Heute nachmittag brachte der Büri der Grossmama ein Buch für mich - Schillers
Ästetik - ich sollt's lesen, meinen Geist zu bilden; ich war ganz erschrocken,
wie er mir's in die Hand gab, als könnt's mir schaden, ich schleudert's von mir.
- Meinen Geist bilden! - Ich hab keinen Geist - ich will keinen eignen Geist; -
am Ende könnt ich den heiligen Geist nicht mehr verstehen. - Wer kann mich
bilden außer ihm. - Was ist alle Politik gegen den Silberblick der Natur! -
Nicht wahr, das soll auch ein Hauptprinzip der schwebenden Religion sein, dass
wir keine Bildung gestatten - das
